Herr: es ist Zeit. Der Winter war sehr groß.
Wir leben lange schon in tiefem Schatten,
Und werden all den Schnee nicht los.
So wirf doch einen Blick auf den Kalender,
Wär es nicht Zeit für südlichere Tage?
Verzeih wenn ich dich nerve mit der Frage,
Doch setz dem schlechten Wetter mal ein Ende.
Was jetzt nicht grünen kann, grünt nimmermehr,
Wer jetzt noch bleich ist, wird es lange bleiben,
Das gilt für Menschen, Beeren und Tomaten;
Sogar die Vogelscheuche fröstelt dort im Garten.
Herr, es ist Zeit für Licht. Wir warten.
Ich habe gerade mal wieder einen Übersetzungsauftrag, es geht um alte, volkstümliche Lieder aus Spanien, zum Teil auf Sephardisch. Die Texte sind nicht immer streng rhythmisch, und ihre Reime sind eher unregelmäßig verteilt und ganz überwiegen assonant. Auf Deutsch wären es “unreine Reime”, im Spanischen sind solche Reime aber nicht despektiertlich “unrein” – und tunlichst zu vermeiden – sondern schlicht eine andere Art Reime, die genauso viel wert sind und oft gezielt einzusetzen sind als integraler Bestandteil bestimmter Gattungen. Ich übersetze sie trotzdem wenn möglich mit “reinen Reimen”, da Assonanzen im Deutschen eher wie klägliches Versagen des (Nach-)Dichters klingen. Ich brüte also über mehrere Hundert Jahre alten Versen und versuche sie in ein klingendes, angemessenes Deutsch zu bringen, da tritt Isa nebenan eine Limerick-Lawine los. Sie sucht Säuisches in strenger Form und heiterem Sinn. Säuisch kann ich ja nicht, dafür bin ich viel zu bieder, aber bei Limericks kann ich schlecht widerstehen. Also reime ich Limericks, schreibe sie nebenan in die Kommentare, kehre dann brav zu mir nach Hause zurück und habe doch fortan beim Übersetzen einen Limerick-Sound im Ohr. Das kann ganz gut sein, in meinen Übersetzungskursen habe ich manchmal lange Texte als Limerick übersetzen zu lassen – als Fingerübung und um sich von der Wörtlichkeit zu lösen. Meine sephardischen Lieder sind allerdings keine Limericks, das Reimzentrum ist nun aber gelockert und formuliert so manchen Vers entspannt um, Hauptsache die Pointe sitzt. Dann ist da aber gar keine Pointe und ich muss zurück auf Anfang. Aber wer könnte einem Wels am Haken widerstehen, wenn auf wälzen und Laken gereimt werden soll? Eben.
Oder der Schluss von diesem Lied:
“Dámelos tú por amor
Sabrás, la mi querida
Que por tí me muero yo.”
Entweder macht man daraus einen Schlager, das passiert auch gern von allein (etwas weiter oben ist von sieben Städten die Rede, durch die er ging. Über sieben Brücken, und über den Wolken, da wird dann Marmorstein und Eisen sein.) Die folgenden Zeilen sind da doch eine vollkommen angemessene Übertragung, scheint mir:
“Aus Liebe gib sie mir,
[...]
ich sterbe doch für dir
die Sprache stirbt gleich mit
dann sterben wir zu dritt.”
Für eine Gernhardtisierung der Übersetzungen. Und jetzt mach ich aus dem Lied noch einen Limerick, so kann das ja nicht stehen bleiben.
Heute feierte mein kleines, glückliches Patenkind seinen fünften Geburtstag, und der große Robert Gernhardt wäre heute 75 geworden. Wäre er, darum hier aus sein kleiner Text “Trost und Rat”. Auch von ihm selbst gelesen.
Trost und Rat
Ja wer wird denn gleich verzweifeln,
weil er klein und laut und dumm ist?
Jedes Leben endet. Leb so,
daß du, wenn dein Leben um ist
von dir sagen kannst: Na wenn schon!
Ist mein Leben jetzt auch um,
habe ich doch was geleistet:
ich war klein und laut und dumm.
Kaum ist man ein paar Tage weg, wird schon wieder gedichtet! Toll! Bei Nic West gibt es eine Neuauflage der Limericks, diesmal in der Sonderform: “Famous poems rewritten as a limerick”. Sie selbst hat den Anfang gemacht mit dem Herbstklassiker:
Der Dichter spricht: Gott, nun mal los, mach den Herbst, der Sommer war groß. Reimt „bleiben“ auf „schreiben“ beschreibt Blättertreiben – im Hals spürt der Leser nen Kloß.
Ich kann es Ihnen nur ans Herz legen: Lesen Sie in dem deutschen Limerickblog weiter, und lesen Sie die Kommentare. Und dann lesen Sie bei Isa weiter. In den Kommentaren und sie selbst:
Herrgott, jetzt sieh halt mal zu, der Sommer war mau, aber nu. Kein Häuschen gebaut, Beziehung versaut, mach halt Herbst, dann ist endlich Ruh.
Ich hab natürlich auch schon mitgespielt. Es heißt vielleicht “Ich prangere das an”:
HErr, auf dem Herd steht Hühnersuppe. Mit Dir hätte ich auch noch eins zu rupfen: Die Bräune blass, Die Füße nass, Und auf den Fluren Schnupfen.
(Das nennt sich Assonanz von Vers 1 auf 2, so.) Weiter Fassungen Rilke bitte nebenan bewundern, Morgenstern und Goethe waren auch schon dran, in hinreißenden Nachdichtungen. Kostproben? Bitteschön: “Ein Gleiches” von Herrn Buddenbohm:
Über allen Gipfeln ist Ruh Kein Tier macht Mäh oder Muh Die Vögelein schweigen im Walde Warte nur balde Schreibt Goethe was dazu.
Und “Fisches Nachtgesang” von Ichichich:
u u u u u u u u u u u u u u u u - – – – – - - – – – – - u u u u u u u u
Und all die anderen. Lesen Sie die Kommentare. Und wenn wir mit den Gedichten durch sind, werden Sagen, Märchen, Romane der Weltliteratur und Architektur in Limericks besungen, verspricht Nic. Ich freu mich.
Wenn man bei Kinderversen einmal falsch abbiegt, kann das fatal enden. Denn reimen muss es sich natürlich auch auf dem falschen Weg, beziehungsweise biegen die Reime dann ganz von alleine mit ab. Eigentlich heißt es, im Original bei Janosch, glaube ich:
Liebe Sonne, scheine auf meine kalten Beine, lieber will ich barfuß laufen, als mir ein Paar Stiefel kaufen.
Der dritte Vers im folgenden Vierzeiler ergibt in diesem Zusammenhang nicht übertrieben viel Sinn, ist aber wohl vom ausführlichen Backe-backe-Kuchen-Spielen beeinflusst. Vor allem aber zieht er Reime nach sich:
Liebe Sonne, scheine, auf meine kalten Beine, lieber will ich Kuchen backen als mir …