Veranstaltungshinweis: Alan Pauls

Veranstaltungshinweis für morgen!
Am Dienstag, 14. September, liest der argentinische Autor Alan Pauls aus seinem Roman „Historia del llanto“, deutsch (in Übersetzung von Christian Hansen) „Geschichte der Tränen“., Klett-Cotta 2010. Eine Kindheit in der Diktatur, doch die Diktatur sickert nur an den Rändern und eher im Rückblick in die Geschichte, und ein merkwürdiges Ich, zu dessen besonderen Begabungen zählt, intensiv zuhören und sofort oder gar nicht weinen zu können. „[E]ine Empfindsamkeit, die nur Augen für den Schmerz hat und absolut, unheilbar blind ist für alles, was nicht Schmerz ist.“ (S. 18.)
Eine knappe, aber schwierige Erzählung, es wird sicher spannend. Vielleicht reden wir auch ein bisschen über Alan Pauls‘ monumentalen Roman „El pasado“ („Die Vergangenheit“).
Die zweisprachige Lesung findet um 20 Uhr im Heinrich-Heine-Haus in Lüneburg statt. Ich bin auch dabei und moderiere und übersetze.

12 Tage Santiago [7]



90 Minuten Zeit für 5 Vorträge à 20 Minuten und eine gemeinsame Diskussion ansetzen (bitte nachrechnen), dann den Raum wechseln und wieder zurückwechseln, die angemeldete Technik nicht parat haben, schließlich 20 Minuten später anfangen und dann von den Vortragenden verlangen, dass einfach jeder nur 10 bis 15 Minuten redet – der Beginn der Sektion ist flexibel, das Ende aber fest, denn im Anschluss gibt es „andere Aktivitäten“ und Kaffee – und dann trotz vieler Meldungen jegliche Diskussion nach dem letzten gehetzten Vortrag unterbinden, weil keine Zeit, auf Drängen einer Vortragenden dann zwar doch Fragen erlauben, aber als Moderator bei der ersten Frage den Raum verlassen und die zweite unterbrechen, nun sei Schluss, definitiv, da kann man sich, nachdem man für diesen Vortrag von 20 Minuten Tausende von Kilometern zurückgelegt hat, sein Leben daheim umständlich umorganisiert und auf hilfreiche Schultern verteilt und eine bitte nie nachzuzählende Summe Geld ausgegeben hat, da kann man sich schon etwas verarscht vorkommen.

Und die kokettierend und achselzuckend vorgebrachte Erklärung „Eso es Chile“ stellt nicht zufrieden, sondern macht erst recht zornig, denn was hat Respektlosigkeit mit einem schlechten Image zu tun, was in Wirklichkeit ja nicht einmal zutrifft, und die Grundrechenarten funktionieren hier, in diesem neoliberalen Wirtschaftsland, doch sonst auch ganz gut.

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Studenten der gastgebenden Uni schämen sich nach eigener Aussage für die (Des-)Organisation, die Kommunikation und den Ablauf innerhalb der „mesas“, andere Vortragende loben den Kongress als „una maravilla, hermosísimo“. Irgendwo dazwischen wird es sein.

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Und dann Studentenproteste auf dem Campus – wogegen, spricht sich nicht rum – und Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei, Tränengas und Steine und Wasserwerfer. Stundenlang belagert sich ein kleines Grüppchen Studenten, am Ende alle pitschnass, mit den im gepanzerten Wasserwerfer verschanzten Carabineros, nur manchmal kommen drei oder vier aus dem Panzer geklettert, mit Helmen und Schilden und immer dicht beieinander bleibend. Die übrigen Studenten, Dichter und Kongressteilnehmer gehen mittlerweile nach Hause oder warten bis abends ab, was passiert. Nichts.

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Über Umwege wird mir heute ein Buch überreicht, in das mir Antonio Skármeta eine ziemliche Widmung geschrieben hat, „amigo“ steht drin und „admirador“, und das Datum: 27.4.2007. Einige Dinge brauchen ihre Zeit, bis sie ankommen.

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Und dann mit den verbliebenen Dichtern noch mehr Lesungen, und eine Gruppe junger Poeten will wild sein und wirft Klopapierrollen durch den Raum und muss selbst etwas lachen, und irgendwann wickelt einer die chilenische Fahne, die neben der Tafel aufgebaut ist, in Klopapier. Der neben mir sitzende Wissenschaftler aus New York flüstert mir zu, dass das in den USA nicht möglich gewesen wäre, die Jungs wären sofort festgenommen worden. Ich flüstere zurück, dass das in Deutschland auch nicht möglich gewesen wäre, sie hätten zwischen den Weltmeisterschaften wahrscheinlich keine Fahne gefunden.

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Eine Gruppe müder und durchgefrorener und etwas desorientierter Wissenschaftler beschließt, nach der letzten Lesung – und irgendeine Lesung wird schließlich die letzte sein – noch was trinken zu gehen.

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Morgen Valparaíso.

*

(Bürgersteig, Ñuñoa. Per te.)

Und wieder los

Antrag auf eine Dienstreise ausgefüllt.
„Wann beginnt Ihre Dienstreise? (Genaue Uhrzeit angeben!)“ – „Morgen früh, 4:00 Uhr“
„Legen Sie die Dienstreise im eigenen PKW oder mit der Bahn zurück?“ – „Weder noch.“ (Leute, ich fahr nach Chile. Schiff oder Flugzeug wären da die Alternativen.)
„Grund für die Benutzung eines sonstigen Beförderungsmittels (z.B. Mietwagen, Flugzeug) angeben“ -„Chile ist anders kaum in vertretbarer Zeit zu erreichen. Weltkarte liegt bei.“
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Hostal gebucht. „Bitte überweisen Sie per Kreditkarte eine Anzahlung von € 3,72.“ Keine Kreditkarte gehabt, nicht buchen können. Freunde vor Ort aktiviert, die zum Hostal gefahren sind und für mich 3 Euro angezahlt haben. Hostal gebucht.
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Dollar für den langen Flughafen-Transit-Aufenthalt getauscht. Einen Stapel Bücher auf Taschen verteilt. Keine Zeit mehr, auch meinen mp3-Player mit Musik zu bespielen.
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Kindersachen für zwei Wochen gepackt. Musik gehört und nicht geweint. Noch nicht.
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Kind abgegeben. Kind geküsst. Geweint.
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Packen.
*
Flugangst wird auch nicht besser, wenn man ein Kind daheim hat.
Packen.

Lesen

Und zwar vor.
Auf einmal werde ich gebucht, und zwar für gleich mehrere Lesungen nacheinander. Einige Argentinier kommen bald wegen der Buchmesse nach Deutschland, werden herumgereicht, und irgendwann setze ich mich mit ihnen in diversen Städten auf eine Bühne und erzähle etwas über sie und dann lesen sie und wir unterhalten uns darüber, was ich dann wiederum dem Publikum übersetze. Ich freu mich, es sind alles gute Autoren an schönen Orten, und ich musste nicht mal für mich werben. Ich freu mich sogar sehr.
Heute telefonierte mit der Organisatorin der einen Lesung, sie fragte, ob wir eigentlich schon ein Honorar vereinbart hätten. Ja, meinte ich, und nannte die Summe, die sie mir ursprünglich angeboten hatte. Sie schwieg einen Moment und ich war schon kurz verunsichert, dann sagte sie: „Nein, eigentlich sollen Sie 100 Euro mehr bekommen.“
Gut, hochhandeln lasse ich mich gerne.
Was ist eigentlich gerade los?
*
Bei Lesungen ausländischer Autoren sitzen meist etwas mehr Leute auf der Bühne, der Autor selbst, daneben jemand wie ich, der dolmetscht und moderiert – das können natürlich auch zwei verschiedene Personen sein -, und dann wird manchmal noch jemand Drittes bzw. Viertes gebucht, der die deutschen Texte liest. Der Autor liest das Original, und irgendjemand die Übersetzung. Für einen der anstehenden Abende wurde ich gefragt, ob ich dafür jemanden empfehlen könne, bevorzugt einen Schauspieler. Nun liest man ja nicht ohne Nachhall über Übersetzer und ihre Arbeit und hat auch seine eigenen Erfahrungen als Übersetzer nicht umsonst gemacht und erinnert gut das Gefühl, wenn der eigene Autor nach Deutschland eingeladen wird und irgendjemand, der gut sprechen kann, seine Texte auf Deutsch lesen soll – seine Texte, die auf Deutsch ja die des Übersetzers sind. Keiner kennt die deutsche Version so gut wie der Übersetzer, logisch, und kaum einer kennt auch das Original so gut wie er. Und manche Übersetzer können sicher auch lesen, einzelne sogar vor. Und wenn man noch weiter gehen wollte, könnten sie sicher auch im Gespräch Spannendes beisteuern.
Die Organisatorin stimmte sofort zu, das sehe sie genauso, außerdem seien die Übersetzer im Literaturbetrieb grundsätzlich unterrepräsentiert. Nur sprengt es in diesem Fall wohl das Budget, den nicht ortsansässigen Übersetzer auch noch anreisen zu lassen. Aber vielleicht kann man, ohne Schauspieler arbeitslos machen zu wollen, den Gedanken ja langsam weiterverbreiten: Wer den Text geschrieben hat, könnte ihn eigentlich auch vorlesen.

Philologen unter sich

1.
Baby B: „da! Baill, Baill!“ Kollegen: „Kind, Du vokalisierst zu stark.“ Unterwegs mit Philologen.

2.
Baby B. sagt zu Wasser aller Arten „Wawa“, zu Tee und anderen Flüssigkeiten in Bechern „Te“ (und „heissss“). Als ich ihm erstmals kühlen Pfefferminztee anbiete, findet er den schmackhaft und denkt länger nach.
Schließlich zeigt er auf die Tasse: „Tewa?“
Ich finde das ziemlich sensationell.

3.
Und wenn uns jemand fragt, was wir sonst so für Hobbys haben, dann sagen wir: „Wir sammeln Komposita.“

Irgendwas mit Büchern

Wie alt ich genau war, kann ich nicht mehr sagen, es wird im späten Grundschulalter gewesen sein, als ich die ältere und etwas herbe Besitzerin der kleinen Buchhandlung am Ort fragte, ob sie mich nicht einfach mal ein ganzes Wochenende im Laden einschließen würde, damit ich ungestört lesen könnte. Als sie ernsthaft darauf einging, war mir die Angelenheit doch etwas unheimlich, aber ein Traum blieb es. Denn nie schaffte ich, während meine Mutter ihre Einkäufe erledigte, genug Seiten der unfassbar vielen Bücher.
Der Laden wird heute von einer jüngeren Frau geführt, die die meisten Lachfalten hat, die ich je an einer einzigen Person gesehen habe. Und ich habe einen Schlüssel zur Bibliothek.
Nun ist es Arbeit, aber als ich gerade die dritte der schweren Türen aufschloss und am Sonntag Nachmittag ins abgedunkelte Innerste der Bibliothek trat, blitzte das alte Gefühl wieder auf, nun endlich erfüllt: alles meins. Eine kurze Freude, die auf der bangen Gewissheit ruht, dass diese Bücher auch an allen einsamen Sonntagen nicht mehr zu lesen sind.

Hamburger Fragmente

* * * * * Hamburg. Freitag Abend, 18 Uhr, Sommer, Frühling, Gegenlicht, ein guter Tabellenplatz und ein Stehplatz inmitten von bestens gestimmten Pauli-Fans auf der Gegengeraden des ausverkauften Millerntorstadions. Großartig.

Etwas viel Bier vielleicht, aber es war sehr lustig. Und sehr torreich. Toll.
(Etwas schwierig allerdings, ausdrucksstarke Fotos zu finden, wenn man versucht, keine Gesichter zu zeigen.)

(Gelb: Koblenz. Weiß: Sonne.)


You’ll never walk alone.

2×2 Tore (und dann noch eines, was etwas unterging.) Genug Gelegenheit, zu hüpfen, Bier rumzuwerfen und Leute zu umarmen. Die, die gerade da waren jedenfalls – der Bär, der meist neben mir stand, war bei den ersten vier Toren gerade auf dem Klo und kam jedesmal hadernd wieder. Die natürlich kaum abergläubischen Fans wollten ihn nach dem so erreichten 4:0 gerne dort einsperren („trink mehr, trink schneller, musst du nicht vielleicht?“), aber es ging dann auch mit ihm so weiter. Sehr fröhliche Angelegenheit, so ein Fußballspiel!


Endstand. Und die Mannschaft war übrigens auch da:


…und hat sich vor der Haupttribüne verbeugt (anfangs waren es noch fünf Bauarbeiter und der Kranführer):



Ach, schön war’s!

* * * * * Hamburg, Samstag und Sonntag: Spielplatz, Alster, Elbe.


(Baby B. (rechts) und Sohn I (links))

* * * * * Hamburg. Sonntag dann der ursprüngliche Grund für den Ausflug, die Lesung:

[Bov]

Vor der Lesung war ich mit Bruder#1 und Schwägerin noch einen spanischen Happs essen (gebratener Spargel auf Rucola, sehr lecker), am Nachbartisch hörten wir dies:
Sie, blickt sinnend auf die Tagesgerichte: „Maischolle, was ist das eigentlich?“
Er: „Keine Ahnung. Aber ich mag keinen Mais.“


Nachlesen kann man den weiteren Verlauf des Abends bestens bei Isa. Wirklich wenig Leute da, leider, aber dafür wichtige: DANKE! Habe mich gefreut, Euch dort zu sehen.

Nachhören kann man auch, in der Abfolge des Abends mit extra Nervosität zu Beginn.

Ich

Merlix

Isa


Bov

Und das sind sie, die Brüste, die schon das halbe Internet erfreut haben. („[…] aber dann legte sie ihre Brüste auf den Tresen und alles wurde gut und schön.) Ich hatte mal ein ähnliches, wenn auch vergleichsweise hochgeschlossenes, Nachthemd. In dunkelblau.


* * * * *Danke, Ihr Hamburger!

Ich bin Arbeiterin

1. Was machst du beruflich?

Ich bin zu Hause bei meinen drei Töchtern, und ich arbeite in einer Papierfabrik.

2. Was ist gut – was ist nicht so gut daran?

Meine Töchter sind wunderbar, und als Gastronomentochter verstehe ich es auch, einen Haushalt zu führen.

Die Arbeit in der Papierfabrik ist furchtbar. Meine Händen reißen blutig auf, ich atme Staub ein, muss ständig husten, was mir wegen meiner Tuberkulose, die ich einmal hatte und von der niemand wissen darf, denn das ist eine Armeleutekrankheit, immer wieder Sorgen macht. Die Mädchen neben mir kommen auch aus dem Osten, aber trotzdem haben wir uns nicht viel zu erzählen. Früher ist es uns gut gegangen, meine Mutter und ich trugen bis zum Krieg schöne Kleider vom Schneider aus Stralsund, wir haben hart gearbeitet, aber wir waren elegant. Mein Vater hat Geige gespielt und Samstag war Tanz.

Nun arbeite ich in der Papierfabrik, weil wir uns wieder etwas aufbauen möchten. Die Mädchen sollen in einem eigenen Haus aufwachsen, und wir möchten wieder ganz zu Hause sein.

3. Was wäre dein absoluter Traumberuf?
Ich wäre gerne Sportlehrerin geworden.

4. Warum gerade dieser?
In der Schule hatte ich eine Sportlehrerin, die ich sehr bewundert habe. Sie konnte turnen und laufen, aber auch segeln und vor allem leicht und elegant schwimmen. Ich habe immer gerne geturnt, obwohl ich groß für Mädchen war, war ich geschickt am Reck. Später konnte ich auch gut ruhig sitzen, nähen und stricken, aber in der Schule habe ich die Turnstunden geliebt. Am Strand sind wir Freundinnen immer auf dem Geländer der Seebrücke balanciert und haben Rad geschlagen. Und ich habe gerne den kleineren Mädchen beigebracht, wie man einen Stein weit in die Ostsee wirft, wie man ihn springen lässt bei ruhiger See, und wie man einen sicheren Kopfstand macht, konnte ich auch zeigen. Vor allem aber wollte ich vielleicht selber schwimmen lernen. Denn obwohl ich am Meer aufgewachsen bin, durfte ich nie schwimmen lernen. Als kleines Mädchen wäre ich einmal fast ertrunken, und dann wollten meine Eltern mich nie wieder im Wasser sehen.
Sie wollten mich auch schützen, als sie mich kurz vor dem Abitur vom Lyzeum nahmen. Man vermutete Rheuma bei mir, aber nach einem Jahr war es vorbei – und die Schule auch, unwiederbringlich. Ich habe später meinen W. geheiratet, der Soldat war, so blieb ich noch bei meinen Eltern und half ein bisschen im Restaurant, als die Russen da waren, mussten wir den Betrieb für sie aufrecht erhalten. Nach dem Krieg musste ich fort aus der Heimat und in den Westen fliehen. Als Flüchtlingsmädchen darf man dann keine Ansprüche mehr stellen, bei der Schwiegermutter nicht und auch sonst nicht im Leben. Ich konnte froh sein über die Wohnung auf dem Hof der Matratzenfabrik, denn groß genug war sie und wir hielten Hühner im Hof, und ich konnte wohl froh sein, dass ich als Ungelernte aus Vorpommern eine Arbeit hatte. Glücklich war ich nicht bei der Arbeit, glücklich war ich bei meinen Lieben.

(U.V., *1919. Meine Großmutter.)

Ich bin Laborantin

1. Was machst du beruflich?

Ich arbeite bei Carl Zeiss Jena im Labor.

2. Was ist gut – was ist nicht so gut daran?

An meinem Beruf mag ich, dass ich präzise arbeiten muss, dass ich optische Geräte von hoher Qualität herstelle. Zumindest bin ich daran beteiligt. In der Firma arbeite ich an einem sauberen Arbeitsplatz, den ich natürlich akkurat in Ordnung halte, ich muss sehr genau messen, all das liegt mir.
Leider darf ich nur das Handwerk ausüben, und das nicht einmal als gelernte Technikerin. Lieber würde ich selbst Geräte entwickeln, selbst die Brechungen der Gläser ausrechnen, selbst festlegen, wo und in welchem Winkel geschliffen werden muss. Lieber als Zahlen in Tabellen eintragen würde ich diese Zahlen definieren.

3. Was wäre dein absoluter Traumberuf? und 4. Warum gerade dieser?


Eigentlich wollte ich Naturwissenschaftlerin werden. Physik hätte mich interessiert, Mathematik, Chemie, aber auch Biologie. Ich war auf dem Lyzeum natürlich in allen Fächern gut, sehr gut war ich. Mir liegen nicht nur die Naturwissenschaften, ich liebe auch Gedichte, Musik und Sprachen. Auch war ich sportlich, mein größter Erfolg war die mitteldeutsche Meisterschaft im Speerwurf. Aber besonders interessiert mich doch die Natur der Dinge. Außerdem fühle ich mich wohl, wenn Zahlen stimmen. Zahlen haben eine eigene Ästhetik, Formeln ziehen mich in ihrer Eleganz an. Mathematik, Chemie, das ist eine exakte Wissenschaft, ich liebe die Genauigkeit, die Sicherheit, die Präzision in den Antworten.

Ich habe mir oft vorgestellt, an der Univsersität in Jena Chemie zu studieren oder Physik, eigentlich wollte ich vor allem studieren, um den Beruf, den ich dann ausüben würde, ging es nur in zweiter Linie. Studentin wollte ich sein! Ich wollte die Professoren hören, ihre Theorien lernen und dann im Labor experimentieren, wollte messen und wiegen und überlegen, was ich womit kombinieren könnte, um zu Lösungen zu kommen. Habe mir vorgestellt, immer tiefer in die Formeln zu dringen, alleine an meinem Schreibtisch immer komplexere Formeln aufzuschreiben, mir wie Beethoven, der nicht hören konnte und doch komponierte, in meinen Heften die Reaktionen von Elementen auszurechnen, auch wenn ich sie nicht vor mir hätte. Gerne hätte ich gespürt, wie mein Verstand immer schärfer wird und immer näher an die Lösungen von Problemen herankommt, bis schließlich das Ergebnis klar und sauber auf dem Papier steht.
Doch nach dem Abitur in Arnstadt – ich hatte das beste Abitur der Stadt – durfte ich nicht studieren. Mein Vater meinte, das sei nichts für Frauen, von den Auszeichnungen und meinem Fleiß ließ er sich nicht beeindrucken
. Die guten Noten, mein Erfolg in der Schule, dass ich seit langem jüngere Schüler in Mathematik unterrichtete, das war selbstverständlich – aber doch ein Privileg meiner Mädchenjahre. So ging ich im Labor arbeiten, so nah an meiner erträumten Zukunft wie möglich. Meine jüngeren Brüder durften studieren, der eine hat dann auch die geliebten Naturwissenschaften studierte, ist Chemiker geworden und Apotheker, der andere wurde Zahnarzt. Ich selbst durfte zwar nicht an die Universität, aber meine Töchter habe ich später genau wie den Sohn studieren geschickt.

(E.S., *1909. Meine Großmutter.)

 

(Fragebogen bei Isa mitgenommen)