Lernen

Ich habe einen Doktortitel, der mir noch nicht aberkannt wurde. Ich habe eine Prüferlizenz für die Zentrale Mittelstufenprüfung Deutsch und eine Zulassung als Master-Prüferin. Ich könnte Euch Flattervögel erklären, Mürbeteig, spanische Versschlüsse oder interne Fokalisierung bei heterodiegetischer Erzählinstanz. Und jetzt lerne ich Stricken. Und übe Demut.
Wie kam man überhaupt darauf, dass Stricken funktionieren könnte?
Ich gehe wieder aufribbeln. Und fange von vorne an. Demut.

Motorisiert

Nebenan (und nicht nur da) gibt es gerade eine ganze Reihe “Medienoutings”, es geht darum, warum man wann im Leben nicht gelesen hat oder was für ein Nichtverhältnis zu Zeitschriften besteht oder dass man keine Filme guckt. Ich hätte auch etwas zu Leselücken zu sagen oder zu meiner Filmkarriere, und dass ich mit Zeitschriftenartikeln nicht die Kolumne in der Brigitte meine, habe ich meinen Studenten gerade letzte Woche erklärt. Heute aber zu einer anderen Geschichte voller Auslassungen in meinem Leben: Das Autofahren. Mein Bruder#1 formulierte es freundlich so, dass ich nicht so viel Benzin im Blut habe wie er. Ich würde einfacher sagen, ich kann nicht Auto fahren. Womit wir schon mitten im Bereich der Halbwahrheiten sind. Denn ich habe wie fast alle meines Jahrgangs Autofahren gelernt, sogar als eine der ersten meines Schuljahrgangs, und damit gingen die Probleme los: die Aufmerksamkeit. Ich war eines der ersten Mädchen, die Führerscheinprüfung hatten. Bis dahin war alles gut, kleine Unsauberkeiten wie mit dem rechten Hebel am Lenkrad blinken wollen, wenn es nach links gehen sollte und dann mit laufenden Scheibenwischern noch in der ersten Linkskurve den Wagen abwürgen waren bereits überwunden, es lief gut, ich konnte sogar einparken. Und fiel trotzdem durch. Und das war natürlich bei den ersten Prüfungen hochinteressant. Denn damit war ich nicht eine der ersten mit Führerschein, sondern die allererste, die durchgefallen war. [Natürlich war das auch nicht wahnsinnig interessant, das ist nur negative Egozentrik, aber ich habe es so empfunden. 96 Mitschüler, die "OHA!" sagen.] Und von da an war ich unsicher und nervös. Im zweiten Anlauf (den ich vor allen geheim gehalten hatte) bestand ich, aber ich bin nie ein Autofahrer geworden. Ab und zu nahm ich das Auto meiner Eltern, überlegte vorher akribisch, wo man am Zielort parken kann, und war immer froh, wenn das Auto und ich wieder zu Hause waren. Am Studienort hatte ich kein Auto, im Ausland habe ich mich leider nicht getraut. Wäre ich in Peru Auto gefahren, wäre ich heute entweder tot oder aber Stock-Car-Rennen-tauglich – großes Versäumnis. In dem Land, wo das KO-Kriterium bei Vorfahrtsregeln “Größe und Alter des Wagens gehen vor” (nur wieder: in welcher Gewichtung bei Erfüllung beider Kriterien?) ist, wo man bergab den Motor ausmacht, die Ampeln im Kabelgewirr über der Straße sowieso nicht sichtbar sind, wo Lastwagen auch mal einen Kleiderschrank als Führerhäuschen haben und man durch die Löcher im Bodenblech prima die Tiefe der Schlaglöcher im Blick hat, da wäre ich vielleicht furchtlos und geländetauglich geworden. Zumal mir als Radfahrerin das peruanische Blinken sowieso ganz natürlich gewesen wäre: Links rum? Dann linken Arm raushängen (lässig). Rechts rum? Linke Hand aufs Dach legen. Hätte, hätte. Zurück in Deutschland zog ich wieder in eine Unistadt ohne Autobedarf, wegen stetiger Entwöhnung bin ich auch bei den Eltern nicht mehr vorne links ins Auto gestiegen, und in den neuen großen Wagen mit Flugzeugcockpit dann schon gar nicht. Und so gingen die Jahre ins Land. Irgendwann hätte ich mir nicht mal mehr zugetraut, bei einem Notfall die Fahrerrolle zu übernehmen. Ich wäre eine sichere Kandidatin für Aberkennung des Führerscheins wegen mangelnder Nutzung gewesen, und eine Nachprüfung hätte ich nicht im Ansatz bestanden (allein, weil ich nicht hingegangen wäre.) Und dann kam der Lieblingsitaliener. Der Lieblingsitaliener hat ein Auto, was ja für mich nichts heißt, ich kann auch in diesem Auto wunderbar auf dem Beifahrersitz sitzen. Wenn der nicht besetzt ist. Denn so hat er mich zum Autofahren gezwungen, nach einigen unverbindlichen Anläufen à la “wir könnten ja mal üben, auf irgendeinem Parkplatz”. Wir haben zusammen das Kind weggebracht (er fuhr, natürlich), er wartete im Auto, und als ich wiederkam, war nur noch der linke Platz frei und er saß sehr entspannt und freundlich lächelnd rechts. “Du fährst.” Er hat nicht nur ein Auto, er hat auch großes Vertrauen. Und gute Nerven, die ich schon an der 2. Ecke verlor, als mich ein Bus anhupte. Nach dieser Überrumpelung musste ich immer mal wieder fahren, von Routine war ich allerdings weit entfernt, die Fahrten endeten mal mehr, mal weniger verschwitzt, ich war tapfer, meine Mitfahrer waren tapfer, aber wirklich glücklich war ich nicht. Allein mit dem Kind wäre ich noch immer nicht gefahren, dafür fuhr ich bei Wind und Wetter weiterhin mit dem täglich schwerer werdenden Kind im Sitz mit dem Rad den Berg hoch und runter, inzwischen auch mit Helm, aber das ist eine andere Geschichte. Dann vergaß der Lieblingsitaliener bei einer Konferenz seine Brille. Er sagt, diesmal war es kein Trick, aber just in dieser Woche mussten wir zu diversen, nicht mit dem Rad oder Bus zu erreichenden Orten im Umland. Also saß ich wieder links. Und es ging.

Inzwischen fahre ich, inzwischen akzeptiert auch der Sohn, dass Mami lenkt, inzwischen schaffe ich es in die enge Garage aus den späten 60ern, inzwischen fahre ich auch alleine mit dem Auto zu Zielen, wo ich noch nicht genau weiß, wie die Parkplätze aussehen. Auf der Autobahn war ich seit der Fahrstunde nicht mehr, aber es wird besser und mein Radius größer. Bisher hat mich auch niemand als Betrügerin vom Lenkrad weggezerrt, und meine Nervosität, wenn ich z.B. vor den Büros meiner Kollegen rangieren muss oder die Ampel am Berg rot ist, ist fast verschwunden. Vorgestern war ich nun auf völlig fremdem Terrain. Da der Lieblingsitaliener müde, matt und marode mit Grippe im Bett lag, musste ich den Fox in die VW-Werkstatt zum Reifenwechsel fahren. Was heißt musste: ich habe es angeboten! Freiwillig! Ich kam mir sehr souverän vor, als ich bei VW auf den Hof fuhr, ich habe unfallfrei vor den Augen mindestens Hunderter Autoprofis geparkt, und ich habe an der Theke ganz lässig gesagt, dass ich einen Termin zum Reifenwechsel habe. Bis dahin hat niemand was gesagt, keiner hat mich ausgelacht oder ungläubig die Fahrzeugpapiere sehen wollen. Ich ging als Autofahrerin durch. Fast. Denn dann ist mir ein kleiner Fehler unterlaufen: Wo das Auto denn stehe, fragte die Dame. “Da drüben”, sagte ich immer noch lässig, “der VW.” “Der VW, ah…”, sagte die VW-Angestellte, aber da hatte ich es schon gemerkt und schnell Details wie Farbe, Typ (den ich wusste!) und Kennzeichen hinterhergeschoben. Es war knapp, aber ich durfte das Auto hinterher doch wieder mitnehmen. (Noch knapper war es vermutlich bei der älteren Dame, die mit mir zusammen auf die winterfest gemachten Autos wartete und dann auf den Hof stürzte und rufend und schimpfend ein Auto zum Stehen brachte. Das sei IHR Auto! Wo der junge Mann damit hinwolle? Er solle SOFORT aussteigen! Er wolle das Auto nur in die Werkstatt fahren, sagte der KFZ-Mechaniker, sie sei doch zum Reifenwechsel da…?) Ich übe jedenfalls weiter, und wenn es weiter so gut klappt, lenkt Mami das Auto bald auch ohne Fahrradhelm.

 

Eigenarten, Weltsichten

Endlich hat Wolfgang Herrndorf wieder geschrieben. Die Abstände zwischen seinen Einträgen sind lang, und abgesehen davon, dass man wegen der Großartigkeit des Geschriebenen gern mehr davon läse, wird einem etwas bang bei so langen Pausen. Aber heute steht dort wieder etwas, zum Beispiel dieses:


Passig erzählt, daß sie zu jedem Wort, das sie kennt (von banalen Wörtern wie Präpositionen abgesehen), weiß, wo sie es zum ersten Mal gehört hat. Und sie dachte bis jetzt, es ginge jedem so. Ich hatte mal eine Freundin, D., die, sobald sie sich hinlegte und die Augen schloß, Traumbilder vor sich ablaufen sah wie in richtigen Träumen. Dachte auch, das ginge jedem so.


Wozu mir einfällt, dass ich mich zwar nur bei wenigen Wörtern an den Erstkontakt erinnere, dafür aber meistens mit Untertiteln höre. Wenn jemand – jemand anders oder ich selbst – spricht, sehe ich das Gesproche in Untertiteln durchlaufen. Nicht immer, aber häufig, und sobald ich davon erzählt habe, wieder verstärkt. Je bewusster ich spreche oder zuhöre, desto zuverlässiger erscheinen die Untertitel. Auch ich habe das für normal gehalten, bis ich es kurz vor dem Abi mal jemandem erzählte.
Ich habe so früh lesen gelernt, dass ich mich nicht erinnere, wie Hören ohne Verschriftlichung war, aber bis heute ist es ein Problem, etwas nur nach Gehör zu verstehen, wenn ich nicht weiß, wie man es schreibt. Fremdsprachen nur nach Hörverstehen zu lernen? Mir schier unmöglich. Eigennamen kann ich mir nicht merken, wenn ich keine Vorstellung von der Schreibweise habe, weshalb ich das immer als erstes frage, sonst ist da eine unscharfe Stelle im eingeblendeten Text. Und die permanente falsche Aussprache des Namens von der Leyen ärgert mich doppelt, weil es in der Unterzeile bei mir dann wie “Vónderlein” aussieht, was ja Quatsch ist. Die zu Schulzeiten geführten Diskussionen über die korrekte schriftliche Wiedergabe von Äußerungen wie zustimmendem “mhmmhm”, ablehnendem “‘m-’m” oder abwägendem “hmm” waren wichtiger, als meine Gesprächspartner geahnt haben dürften. Ablehnungsgeräusche kann ich bis heute nicht scharf erkennen.

Und in welcher privaten Normalität bewegt sich Ihre Wahrnehmung?

Was es natürlich nicht besser macht.

1986, es war Frühling, es wurde Sommer, und alles war über und über mit Löwenzahn bedeckt. Und wir durften ihn nicht pflücken, durften nicht im Sand spielen, bei Regen nicht raus und später im Jahr nicht in die Brombeeren.
Viel später erzählt mir eine Grundschullehrerin, ich hätte den 27. April (oder das, was in der Erinnerung der 27. April ist, es war der Tag nach Bekanntwerden der Katastrophe, es muss also etwas später gewesen sein) im Klassenschrank verbringen wollen, hätte darin zusammengekauert gesessen und nicht rauskommen mögen, weil draußen alles kaputt geht. Daran erinnere ich mich nicht. Aber an den Löwenzahn, den Sand, die Beeren, den Regen.
Und an die Angst, Begleiter meines kindlichen Ich über Jahre.
Und später dann immer wieder der Gedanke an die Eltern: Auf welche Art geht man eigentlich als Eltern kaputt, wenn die Kinder keinen Löwenzahn mehr pflücken dürfen, weil sonst, und wenn sie sich lieber im Klassenschrank verstecken wollen, weil sonst. Welche multiplizierte Angst setzt sich den Eltern nachts auf die Brust, und wer lässt ihnen das Licht an am Bett und sagt ihnen, Du brauchst keine Angst zu haben, wir sind noch auf, Du hörst uns im Wohnzimmer.
Und dann hat man ein Kind und ist Eltern und dann ist es der 11. März, oder der 12., es ist immer der Tag danach. Es ist das gleiche Gift, was dort strömt. Es ist die gleiche Angst.
Bis sie den ganzen Weg über den Pazifik geweht wurde, hat sich auch die Angst abgeschwächt. Aber sie war die ganze Zeit da. Und sie hat neue Bilder.
Dieses Jahr wird er wohl im Sand spielen dürfen, hier, dieses Jahr darf er wohl in Pfützen springen, hier, und die verbotenen Löwenzahne blühen weit weg. Dieses Jahr.


40 Tage ohne

Aschermittwoch. Weder habe ich Fasching gefeiert und müsste jetzt angewidert und verkatert die fast leeren Flaschen wegräumen und ein “nie wieder (bis Ostern)” murmeln, noch habe dich den Drang, die Passionszeit durch Kasteiung mitzuerleiden. Aber Anlässe sind Anlässe, und was Giardino vormacht, klingt nach einer Idee. Früher habe ich “auf” Süßigkeiten gefastet – auch eine Fasten-Mogelpackung, denn als Kind habe ich Süßigkeiten gar nicht so sehr gemocht, der Verzicht fiel leicht; außerdem habe ich alles, was ich geschenkt bekam in den 7 Wochen, gesammelt und gehortet und hatte am Ende des Fastens den puren Überfluss. Die letzten Jahre kein Bedürfnis nach Fasten. Einmal fiel die Passionszeit mit der frühen Stillzeit zusammen, da hatte ich sowieso schon viele Monate auf alles mögliche verzichtet und machte gerade so weiter, in einem anderen Jahr das Gefühl, das Leben nimmt sich eh schon seinen Teil, da brauche ich nichts mehr zusätzlich wegzusperren. Wenn der Gedanke ans Fasten überhaupt kam, war er nach einem kleinen Stirnrunzeln wieder weg. Dieses Jahr aber doch: Internetfasten. Nicht um mich zu kasteien, sondern aus dem Bedürnis nach mehr Konzentration und Fokus. Auf Mails etc. kann und werde ich natürlich nicht verzichten, auch sonst will ich es nicht ganz so radikal betreiben wie Giardino, die Blogs bleiben. Aber die Zeitfresser fliegen raus, die Ablenker und kleinen Störfeuer. Kein Facebook, kein Twitter, das vor allem. Es geht nicht um die Leute dort, sondern darum, mich nicht zu verzetteln, und automatisiertes Suchtverhalten – mal kurz gucken – abzugewöhnen. Und mich besser auf das zu besinnen, was mir eigentlich wichtig ist. In dem Sinne steht der Moment des Entzugs vielleicht doch ganz gut in der traditionellen Fastenzeit.

Effizienz

Warum Väter die effizienteren Eltern sind. Eine Fallstudie.

Wenn ein Kitakind Geburtstag hat, steht auch ein Kitakindergeburtstag an. Das heißt: Ich gehe mit dem Kind in die Stadt, um eine größere Backform zu kaufen (die kleine Backform ergibt nicht genug Kuchenstücke für 15 Kinder) und erstehe dabei auch noch Ausstecherle, ein “B” und eine “2″. Außerdem alle Zutaten für Kuchen und Kekse, Smarties und Gummibärchen, Zartbitterguss und laktosefreie Milch, weil ein Kind aus der Gruppe laktoseintolerant ist und doch mit den anderen vom gemeinsamen Kuchen essen soll.
Den Sonntag verbringen Mutter und Kind mit Kekse backen – wie man halt mit fast Zweijährigen Kekse backt, wir kneten, naja, gemeinsam Teig (“meiner!”), die Küche ist voller Mehl, die Dielenritzen voller Zuckerstreusel, das Kind voller Teig und die Mutter voller Brandblasen (“heiß, Schätzchen, vorsichtig, heiß, mein Herz”, und dann das Blech mit bloßen Händen aus dem Ofen ziehen), aber schließlich ist auch der Tisch voller Bs und Zweier.
Am Abend vor seinem Geburtstag backe ich für uns zu Hause einen Kirsch-Mandel-Baiser-Kuchen, alleine, als das noch einjährige Kind schläft. Die neue Backform kommt am Wochenende zum Einsatz: Ein großer Marmorkuchen für den Kindergarten, laktosefrei, darum auch mit Gummibärchen statt mit Smarties beklebt. Mein back- und kochbegeistertes Kind sitzt still auf dem Küchenstuhl, schlägt zwar die Eier auf, mag aber sonst nichts machen, mag nichts probieren, wird immer blasser und matter. Er, der sich sonst über jeden Maschinenlärm freut, mag auch nicht rühren: “Laut, Mami.” Noch bevor der Kuchen im Ofen steht, ist klar: Das Kind ist krank.
Also haben wir Kekse und Kuchen und ein krankes Geburtstagskind, die Kita-Feier wird erstmal verschoben. Das Kind bleibt krank und zu Hause, der Kuchen bleibt in Alufolie gewickelt und ebenfalls zu Hause, ich sage alle Termine ab und bleibe auch zu Hause.
Eine Woche nach dem Geburtstag kann er wieder in der Kita gehen. Die Erzieherinnen wollen nachfeiern, also gehen das genesende Kind und ich neue laktosefreie Milch kaufen und neue Mandelblättchen für einen neuen Kuchen. Gummibärchenkuchen mache ich nicht wieder, als Kitakuchen backe ich nur noch etwas, was wir auch selbst essen mögen.
Am Tag vor der Kitafeier holt der Vater das Kind ab, das passt gut, so kann ich alleine backen. Effizient! Oder?
“Wenn die morgen seinen Geburtstag feiern”, fragt sein Vater, “soll ich dann ein paar Sachen für die Kita besorgen, Gummibärchen und noch irgendwas zu essen?”
So sieht effiziente Geburtstagsplanung aus.
(Es ist klar, dass ich gleich trotzdem zwei Sorten Teig für echten Geburtstagskuchen anrühre, nicht wahr?)

*beeep*

Es gibt so ein paar Kosenamen, die möchte man ja nicht haben. Nicht hören, vor allem nicht vom Liebsten, aber eigentlich noch weniger benutzen. Kein Problem, sollte man meinen. Es ist schließlich meine Entscheidung, was ich sage und was nicht. Schnuckiputz. Purzelchen. Schnuffi. Bärchen. Geht nicht, geht gar nicht, geht überhaupt gar nicht (jedenfalls nicht, wenn der Angesprochene größer als 1 Meter ist.) Dann gibt es ja noch solche Benamsungen, die Körperfunktionen enthalten. Hasipupsi etwa. Nicht nur gruselig, sondern auch völlig unverständlich. (PUPSI? Was soll man sich da als heimischen Dialog vorstellen? “Pupsi?” – “Ja, Kotzi?” – “Essen ist fertig, Rotzi.” Kotzi.)
Aber ehrlich gesagt, Schatz ist zwar semantisch in Ordnung, ansonsten aber nicht viel besser. Puh. Schahaaatz? Öde. Es muss doch noch was anderes geben zwischen Herr Meier und Hasipupsi. Das alles kommt jedenfalls für mich nicht in Frage, sowas kommt mir nicht über die Lippen.
Oh frommer Wunsch.
Heute rief mein Sohn, der kleine Papagei, nach meinem Freund: “Guckma! Schaaatzi, guckma!”
Erwischt.
Als nächstes werde ich wohl in den unmöglichsten Situationen von meinem Kind hören, was ich eigentlich so für Flüche benutze. Peinlicher kann es aber kaum werden.

Mütterliche Kernkompetenz

Das Kind hat Haare. Zunächst ganz kurze, glatte, fast schwarze Babyhaare. Dann längere, glatte, mittelbraune Babyhaare, die sich um zwei imposante, gegenläufige Wirbel am Hinterkopf drehten. Dann längere, lockige, mittelbraune Babyhaare, die hinten die schönsten Kringel formten und vorne platt und unmotiviert in die Stirn hingen. Nach einem Jahr andächtigem Wachsen und zwei Tagen mit Haarspängchen, weil das Kind nichts mehr sah, traute ich mich und schnitt ihm zum ersten Mal beim Spielen mit der Nagelschere das Haar, er krabbelte herum, ich mit der Schere hinterher, fertig war der kleine Junge. Inzwischen haben wir das Haareschneiden auf die Badewanne verlegt, da kann er nicht fliehen und ist mit Schaum, Pinguinen und Eimer so beschäftigt, dass er fast stillhält. Etwa alle 6 Wochen wage ich es, wenn es vorne zu struppig und hinten zu vogelnestig wird, denn die Wirbel und Locken unter der Mütze neigen zum Filzen. Irgendjemand gab mir mal den Rat, die Haare immer nur so kurz zu schneiden, dass die beneidenswerten, herzigen Locken erhalten bleiben, damit wären wir aber – hinten Locken, überall Wellen, Pony glatt – schnell bei einem rastamäßig verfilzten Vokuhila. Ich glaube nicht.
Am Wochenende war es wieder soweit: Das Kind sitzt in der Wanne, macht Schaum, taucht Playmobilfiguren, lässt Wasser ab, trinkt Wasser, spuckt Wasser, sucht den Fisch und macht mit dem Waschlappen die Wanne sauber, die Mutter turnt am Wannenrand herum und versucht aus den erst trockenen, dann (“Acung!”, und er kippt sich einen Eimer über dem Kopf aus) immer nasseren Haaren sowas wie eine Frisur zu machen und dabei nicht wie beim vorigen Mal auf den nassen Fliesen auszurutschen und mit der zum Dolch gewordenen Schere in der Hand neben dem Sohn in die Wanne zu stürzen. Das Kind ist nicht drehbar, er sitzt stets mit dem Kopf nach links, dort wo das Wasser und der Spaß herkommen. Geschnitten wird also teils in direkter Ansicht, teils über Kopf oder nach Gefühl auf der erdabgewandten Seite. Locken und Wellen sind gnädig und vertuschen zu schräge Schnitte, meist ist das Ergebnis entsprechend zufriedenstellend. Auch diesen Montag fragte die Erzieherin im Kindergarten – ohne jedes Anzeichen von Entsetzen – ob das Kind beim Frisör war. Die in Form gestutzte Haarpracht dürfte also, denke ich, als Frisur durchgehen.
Naja, was man halt so denkt. Am Abend skypen wir mit den liebenden Großeltern, das Kind strahlt und schäkert über den Bildschirm. “Oh”, sagt die Großmutter, “hat Baby B sich selbst die Haare geschnitten?” Vielleicht muss ich die Schneidetechniken nochmal überdenken.