Umfair

Das Gerechtigkeitsempfinden von Fünfjährigen ist ziemlich ausgeprägt. Vieles ist ungerecht oder, um es mit Nuno zu sagen, “umfair”. Umfair ist zum Beispiel, dass Erwachsene wählen dürfen, Kinder aber nicht. Umfair ist, dass wir abends noch aufbleiben, ihn aber ins Bett schicken. Umfair ist, dass BabyM bei uns schläft, er aber alleine. Total umfair, alles.

Heute entdeckte er einen regelrechten Skandal. Einen klaren Fall von Alltagsrassismus und Diskriminierung. Empört blieb er vor einem Toilettenhäuschen in der Stadt stehen. “Mama! Das ist ja umfair! Guck mal, das ist total gemein! Warum dürfen nur Leute aus Frankreich, Deutschland, England und der Türkei aufs Klo gehen? Und was ist, wenn jemand aus Russland aufs Klo muss? Darf der dann nicht da rein? Das ist wirklich umfair.” Allerdings. WP_20140707_007

 

Die Sache mit den Namen

In den Kommentaren zu diesem Beitrag hat es sich ja bereits angedeutet – das mit der Aussprache der Namen klappt bei dieser WM nur so mittel. Auch das mit den Namen, denn die gesamte Berichterstattung ist, unter uns gesagt, ganz schlimm. Zwischen den Spielen wird vorzugsweise der deutsche Bus gezeigt, in der Halbzeit eines Spiels von, nur so als Beispiel, Argentinien und Bosnien-Herzegowina kommt ein launiger Bericht über einen Schweizer Fan, während vor dem Schweiz-Spiel dann mal wieder der deutsche Bus gezeigt wird. Hauptsache, es passt nicht und hat wenigstens 8 Punkte auf der nach oben offenen Irrelevanz-Skala. Auch interessant, wenn in der Halbzeitpause irgendeines Spiels ohne deutsche Beteiligung der deutsche Co-Trainier interviewt wird. Zu solchen entscheidenden Fragen wie der nach seiner Bräune (“Sind Sie viel draußen?”), man fasst es nicht. Noch weniger zu fassen sind Kommentare wie die über den Südländer an sich (der halt etwas unorganisiert sei, auch dazu ein knappes Statement unter dem Eintrag unten; und das wird nicht etwa in den Foren von obskuren Online-Foren behauptet, sondern vom offiziellen Reporter im öffentlich-rechtlichen Fernsehen). Es ist schlechterdings nicht zu ertragen.IMG_1567 Und während des Spiels? Taktik findet nicht statt. Die Chef-Kommentatoren von ARD und ZDF nehmen sich da wenig. Stating the obvious, sonst nichts. Das höchste der Gefühle ist die Benennung einer Viererkette. Leute, sowas erkenne sogar ich! Also erklärt mir der Lieblingsitaliener zwischen den Spielen, was nun diese falsche Neun ist, wie sich die defensiven Mittelfeldspieler nach hinten fallen lassen können, wie man früher verteidigt hat und was mit der diametral wegkippenden Sechs ist.
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Was machen also die Leute in den Reporter-Kabinen da, wenn so etwas sie nicht interessiert? Oder sie davon ausgehen, dass es hier draußen bei uns keine Sau interessiert? Und sagt mir nicht, dass das zu kompliziert sei; zu jedem Curling-Spiel der vergangenen Olympischen Spiele gab es mehr Regelwerk-Erklärungen und Taktik-Informationen als bei dieser Fußball-WM insgesamt! Taktik (angeblich, ich habe das nicht überprüft) und Kameras aus allen Richtungen werden dann in die Online-Auftritte der Sender verschoben, dabei haben sie wahnsinnig viele Sendeminuten nicht nur mit Bildern, sondern auch mit dem O-Ton ihrer eigens dafür engagierten Sprecher zu füllen. Was tun diese Sportjournalisten dann also während der Spiele? Sie erzählen etwas über die Spieler. Aber nicht über ihre Position auf dem Feld oder über das, was sie da gerade im Mannschaftsgefüge tun oder tun sollten, sondern zum Beispiel über ihren Werdegang. Die Zahl der Kinder, die ihnen heute im Stadion zujubeln dürfen. Anekdoten zu irgendwelchen Einsätzen in der 78. Minute bei einem Ligaspiel vor fünf Jahren. Trinkspieltauglich: die Benennung der deutscher Mannschaftskameraden in ihren aktuellen Vereinen. (“Antonio Candreva, Vereinskamerad von Klose bei Lazio Rom”, you name it. Immer.) Also, sie nennen die Namen und lesen die Informationen ab, die sie dazu auf ihren Tablets haben oder die ihnen noch so einfallen. Ansonsten: das, was man sieht. 90 Minuten lang (oder 90+5 bei dieser WM) nur die Namen zu nennen und Anekdötchen zu erzählen, meine Güte, das kann doch nicht befriedigend sein! (Für den Hörer ist es das nicht. Aber doch gewiss auch nicht für den Reporter! Das glaube ich nicht – puh, wenn ich mir vorstelle, ich dürfte in 90 Minuten Literatur-Seminar alle Autoren-Namen sagen und alles, was mir zu den Titelbildern einfällt, aber bloß! nichts! zu Erzähltechnik, Handlung oder Figurenkonstellation. Don’t mention the plot! Hilfe.)
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Ok, nehmen wir an, der Reporter findet das irgendwie doch befriedigend, 90 Minuten lang ausländische Namen und Vereine auf dem Spielfeld zu verschieben. Wenn es das ist, dann verstehe ich noch immer nicht – noch lange nicht und eigentlich erst recht nicht -, warum man sich nicht wenigstens darauf vorbereitet. Bei ARD und ZDF gibt es doch Datenbanken und Spezialisten, und wenn nicht, ist das ganze Stadion voller Muttersprachler, von denen man kurz mal einen zur Seite nehmen könnte. Warum also ist es nicht möglich, sich um die Aussprache der Namen zu bemühen? Also, die in der jeweiligen Sprachen ungefähr vorgesehene? Es ist möglich, und wenn es nicht geschieht, ist das in meinen Augen (oder Ohren) ein Zeichen von Desinteresse. Es geht nicht darum, dass fremdsprachige Wörter schwierig auszusprechen sein können, ich möchte auch nicht über Schwierigkeiten mit Fremdsprachen lästern, wenn das nicht der Job ist (Thank you for travelling, das meine ich nicht). Aber eben: sie nennen nur die Namen, die Namen stellen das Herz (oder das dürre Skelett) ihrer Berichterstattung dar. Und die Grundregeln der Aussprache scheinen dabei einfach egal zu sein. Entweder werden manche Namen konsequent falsch ausgesprochen, oder der Reporter variiert sich so durch. Wenn man einen Namen an drei Stellen betonen kann, kommt jede Variante mal dran, am Ende stimmen dann 33%. Und ich finde das nicht belanglos, für mich ist das eine Form der Respektlosigkeit, der mangelnden Wertschätzung der jeweiligen Spieler (und/oder Länder). Ist das übertrieben? Mal ein Beispiel aus einer anderen Sportart. Bei den Mannschafts-Europameisterschaften der Leichtathleten am vergangenen Wochenende überraschte die junge Diskuswerferin Shanice Craft, die das deutsche Team in dieser Disziplin vertrat, und wurde zweite. Der Reporter gratulierte artig und fragte sie dann, smalltalkend, wie er denn ihren Namen aussprechen solle – wie das deutsche Wort “Kraft” oder eher englisch, Cräft? Soweit, so korrekt. Wenn man es nicht weiß (und vergessen hat, sich vorher zu informieren), einfach mal jemanden fragen, der Ahnung hat, im Zweifel den Namensträger selbst. Shanice Craft lächelte tapfer und sagte, die englische Aussprache sei ihr lieber “und auch richtig”. Ok, sagte der Reporter, “Cräft”, und fügte an: Als Zweitplatzierte der Europameisterschaften dürfe sie sich das auch aussuchen. Bitte? Man muss sich das Recht, vernünftig ausgesprochen zu werden, erarbeiten? Unter den Medaillenrängen geht da leider nichts und jeder darf so viel vor sich hin verhunzen, wie er lustig ist? Unter anderem das meine ich mit Respektlosigkeit. IMG_1569In Deutschland gab es ja mal ausführliche Diskussionen um den Namen des brasilianischen Fußballers Grafite. Ein Reporter sagte dann irgendwann, ganz im Geiste des eben aus dem Gedächtnis zitierten Leichtathletik-Journalisten, “Grafiet, oder Grafitschi, wie er selbst gerne ausgesprochen werden möchte”. Nein, nochmal: Der heißt so. Das ist keine kapriziöse Idee eines Sportlers mit Star-Allüren, dass er “gerne so genannt” würde. Der Name wird im brasilianischen Portugiesisch (der meisten Regionen, so einfach ist das nicht, leider) eben so ausgesprochen. Gilt übrigens auch für den Spieler Dante. (Als ich noch einen etwas komplizierteren Namen hatte, hat mir auch mal jemand eine andere Aussprache vorgeschlagen – “aber so geht das doch auch, eigentlich.” Nein, geht es nicht. Glaubt den Leuten doch einfach, sie werden schon wissen, wie sie heißen.)

So. Es hat mich etwas davongetragen. Eigentlich wollte ich nämlich gar nicht schimpfen, sondern was erklären. Nämlich die Aussprache von einer Gruppe von Namen, von denen es überdurchschnittlich viele gibt bei dieser WM, die spanischsprachigen. (Die italienischen Namen würden auch einen Erklärtext verdienen, aber wir haben nach dem letzten Gruppenspiel noch einen kleinen Kater. Der Lieblingsitaliener antwortet aber bestimmt bald wieder gerne auf linguistische Fragen zu seinem Team, Sie können solange schon mal mit “Stracciatella” üben.)
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Also. Erklärteil. Ich erkläre nun ein paar Grundregeln zur spanischen Aussprache und insbesondere zur Betonung spanischer Wörter, mit denen sich die meisten Namen der spanischsprachigen Teams lösen lassen. (Disclaimer: Ich mache das bewusst nicht mit der Fachterminologie, und vollständig ist der Erklärteil auch nicht.)

  1. Sagen Sie erstmal das, was da steht. Ohne Extras.
    Beispiel: Der Trainer von Chile heißt Jorge Sampaoli. Man hört immerzu „Sampajoli“. Da ist aber gar kein J. Einfach Sam-Pa-O-Li. Auch wenn das dann so ähnlich wie Sankt Pauli klingt, das ist schon ok so.
  2. Sagen Sie erstmal das, was da steht. Ohne Verluste.
    Spanisch ist ja nicht Französisch, lassen Sie die Endungen ruhig dran. Bei Luis und Javier und del Bosque darf man auch die letzten Buchstaben noch hören.
  3. Dann aber auch: Sagen Sie nicht genau das, was da (anscheinend) steht.
    • ñ. Den besonderen spanischen Buchstaben ñ kennen Sie zum Beispiel von „el niño“, das klingt einfach wie nj. Beispiel: Camilo Zúñiga klingt in der Mitte wie Zúnjiga.
    • ll. Anders als im Deutschen ist z.B. das doppelte L kein L mehr, sondern – regional unterschiedlich – ein Laut, der wir „lj“ klingt oder wie „j“ oder auch wie „sch“. Beispiel: Der Trainer von Argentinien heißt Alejandro Sabella. Man hört hier meist „Sabella“, wie das italienische „bella“. Sagen Sie stattdessen „Sabelja“ oder „Sabena“ oder, wenn es wie am Río de la Plata klingen soll, „Sabescha“. [Hier bitte die Kommentare lesen. Italiener in Buenos Aires. Es bleibt kompliziert.]
    • s. Und das S bitte stimmlos. Sabella also nicht wie die Kurzform von Isabella, sondern mit scharfem S: ßabelja, ßabeja oder ßabescha. So etwa. (Gilt auch für den oben genannten Spieler Zúñiga. Wenn Sie sich vorwiegend südamerikanisch fühlen: ßúnjiga. Sind Sie eher in Europa zu Hause: Statt ß ein Lispel-Z vorweg, Rest bleibt gleich.)

    Beim ll und beim c/z wurde schon deutlich, dass es ein paar grundlegende Unterschiede zwischen dem europäischen Spanisch und dem der meisten lateinamerikanischen Länder gibt. Das macht aber nichts, man versteht und akzeptiert auf beiden Seiten des Atlantiks die verschiedenen Varianten. Ob Sie also, beispielsweise, bei za  /ce / ci / zo / zu das c/z wie ein englisches th lispeln (Spanien) oder wie ein stimmloses s sprechen (viele Regionen Lateinamerikas), ist Ihre Entscheidung. Und das j? Wie das ch in Dach. Ale-Chandro. H bleibt stumm, und wenn Sie ein Zungenspitzen-R können, rollen Sie drauflos, wenn nicht, macht das auch nichts.
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  4. Grundregeln Betonung:
    Mit der Betonung der Namen wird von den Kommentatoren lustig herumexperimentiert. Fernández, Fernández und Fernández kamen etwa gleich oft vor, auch Suárez, Suárez und Suárez waren zu je einem Drittel auf dem Feld. Die Chance, den jeweiligen Namen richtig zu betonen, lag damit bei gut 30%. Das geht besser. Und zwar so:
    Im Spanischen wird normalerweise die vorletzte Silbe betont. Beispiele: Cuadrado, Ospina, Muslera, Torres. Gilt auch für Vornamen: Fernando, Pablo, Arturo.
    Ausnahme a) Das Wort endet auf einem Konsonanten (außer -s oder -n). Diese Konsonanten sind meist -r, -z oder -l. Dann wird die letzte Silbe betont. Beispiel: Vidal. (Endbetont: Vidal.)
    Ausnahme b) Ein Akzent sieht etwas anderes vor, dann wird die Silbe mit dem Akzent betont. Immer.
    Und Ausnahme b) übersticht Ausnahme a).
    Das ist bei Namen ziemlich häufig, denn spanische Namen enden recht oft auf -ez. Bei -z am Ende greift eigentlich Ausnahme a), die aber dann häufig durch Ausnahme b) – nämlich einen auf der vorletzten Silbe platzierten Akzent – wieder aufgehoben wird. Beispiele: In aller Munde: Suárez. -z am Ende heißt eigentlich Betonung auf der letzten Silbe (das wäre *Suarez). Auf dem a ist aber ein Akzent, und der Akzent ist stärker als die Regel der Endbetonung, also bitte die Silbe mit dem Akzent betonen: Suárez. Nach gleichem Prinzip funktionieren Gutiérrez, Fernández, Gonlez, Hernández oder rez. Die Betonung sitzt praktischerweise immer da, wo der Akzent steht. (Immer.) Beim Trainer Uruguays, Óscar Tabárez, greift die Akzent-Regel gleich zweimal: Weil die Wörter auf -r bzw. -z enden, müssten Vor- und Nachname endbetont sein. Die Akzente ändern dies aber und schieben die Betonung jeweils auf die vorletzte Silbe, also Óscar Tarez. Anderes Beispiel: Bei Cáceres müsste die Betonung ganz regulär auf der vorletzten Silbe sein (wie bei Torres), aber der Akzent zieht sie auf die vorvorletzte Silbe: ceres. Natürlich kann der Akzent die Betonung auch auf die letzte Silbe ziehen, wenn die eigentlich unbetont wäre, so wie bei Fredy Guarín.

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Morgen beginnen die Achtelfinals mit sechs spanischsprachigen Ländern, aber ohne Suárez. Viel Spaß beim Zuhören – und Macnelly Torres fragen Sie dann vielleicht selbst nochmal, wie sein Vorname korrekt ausgesprochen wird. Am besten auch dann, wenn er nicht den Pokal nach Hause bringt und sich die richtige Aussprache seines Namens ehrlich verdient hat.

Und jetzt würde ich mich freuen, wenn mir jemand die Namen der Niederländer erklärt. Ich stolpere doch sehr, wenn ich diese – zu meinem Aussprache-Glück fast leere – Doppelseite aus dem Panini-Album vorlesen muss. Jordy Clasie? Jasper Cillessen? Wie habe ich mir das vorzustellen?

Logo

Wie treffend fand ich das leicht abgewandelte WM-Logo, das kürzlich einen kritischen Artikel zierte, in ihm ging es um Korruption, Kollateralschäden, you name it. Nun saß ich neben Nuno und klebte mit ihm Panini-Sammelbilder ein. Während er die 5 Bilder eines Tütchens aufsteigend sortierte und sich dann bemühte, die dreistelligen Zahlen im Heft wiederzufinden, hatte ich Zeit und schaute länger gedankenverloren auf eines der Tütchen, natürlich mit offiziellem Fifa-WM-Logo*. Und dann fiel mir auf, dass das Logo beim genannten Artikel überhaupt nicht abgewandelt war. Das ist immer so! Ein Typ mit Seitenscheitel, der sich die linke Hand vors Gesicht geschlagen hat. Ein Fußball-Seufzer, ein Nicht-Hingucken-Könner, ein Gerade-Ausgeschiedener.
Soll er gar nicht sein, hm? Nun ja, jetzt sehr Ihr es jedenfalls auch so. Gern geschehen.

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* Googlet Ihr selbst, falls nötig, ich werde den Teufel tun und mich hier abmahnen lassen. Kriegt man aber die nächsten Tage und Wochen vielleicht auch das ein oder andere Mal zu sehen.

Wo die müden Monster wohnen

Kinder leben nicht in einer Blase, die Welt mit ihren Unzulänglichkeiten, Gemeinheiten und ihrer Kälte erreicht sie, auch wenn man sie zu schützen versucht. Nuno lässt sich leidenschaftlich gerne Märchen vorlesen und hört sie auch auf CD (über die heile Welt der Märchen und Kinderlieder habe ich hier, hier, hier, hier und hier schon geschrieben), und obwohl diese Vorliebe bei unserem Vorlesetierchen schon lange besteht, hat er nun erst seit ein paar Nächten anscheinend von Märchen beeinflusste “Alpenträume”, die ihn auch am Tag beschäftigen. Da sie sich wiederholen, erinnern sie mich an Fieberträume, und sie enthalten klassische Albtraumelemente wie auf der Flucht nicht weglaufen zu können. Darin kommt überdies vor allem ein Fuchs vor, der aufrecht geht und eine Unterhose trägt und eigentlich ein verzauberter Prinz ist, dennoch aber offenbar sehr bedrohlich wirkt. Und später kommen Wölfe, die Nuno richtig Angst machen. Er möchte jetzt seinen Traumfänger aus den Indianderwochen der Kita mit nach Hause bringen und hofft auf Wolfsfängerqualitäten. Bis dahin versuchen wir es auf die traditionelle Art. In den Arm nehmen, Licht anlassen, sagen, dass da kein Fuchs sei. “Doch!” “Wo ist er denn”, frage ich, mit dem Plan, ihn dann von dort zu vertreiben – hinter der Gardine, oder wo immer  Albtraumfüchse sich aufhalten. “HIER ist er”, schluchzt Nuno und tippt auf seine Stirn, “hier drin.”
Wenn ein Kind verstanden hat, dass die wahren Monster nicht unter dem Bett wohnen, sondern im eigenen Kopf, hat es schon viel verstanden, nur greifen dann leider die üblichen Verscheuch-Techniken und Exorzismen nicht mehr.
Also brauchen wir Hilfe, und wir geben ihm seinen Kuschellöwen in den Arm, nachdem wird diesem und dem Bären eingeschärft haben, die Füchse und Wölfe von Nuno fernzuhalten und sie ganz und gar aus seinem Traum zu vertreiben. “Das geht doch nicht”, sagt Nuno, “das können die gar nicht.” Weil sie Stofftiere sind? “Weil der Fuchs doch aus den Märchen kommt und die beiden sich mit Märchen doch gar nicht auskennen.” Es wurde eine lange Nacht.
(In welchem Märchen kommen eigentlich Füchse in Unterhosen vor?)
*
Das machen also Märchen. Und der Rest der Welt? Im Radio hört er von der Krim, an anderer Stelle von Übergriffen auf Ausländer, er weiß, dass es Krieg gibt, auch wenn für ihn der Inbegriff des Bösen ein Dieb ist. Er weiß auch, dass wir Sonntag Abend Tatort gucken. “Was haben sie gestern geklaut?”, fragt er jeden Montag, und wir sagen “ein Seil” (gestern) oder “Medikamente” (letzte Woche), und nein, er darf keinen Krimi sehen. Das ist nichts für Kinder. “Aber wenn ich 13 bin?” Vielleicht. Wie auch immer er auf 13 kommt. Aber vorher sicher nicht.
Gestern dachte er wieder nach. “Was ist denn die Krim? Und warum streiten die sich darüber? Und können in einem Krieg auch Häuser kaputtgehen? Und haben die Soldaten auch Messer? Und Gewehre? Aber wenn sie danebenschießen, dann ist das ein bisschen prima, oder, das ist besser, als wenn sie treffen.” Wir lügen nicht, aber wir erzählen auch nicht alles. (Abgesehen davon, dass unser Verständnis auch begrenzt ist. Warum wollen die jetzt diese Insel zurückhaben? Weil sie schön ist, weil da ein wichtiger Hafen ist, weil, herrje.) Ja, es kann sein, dass es Krieg gibt. Und ja, sie haben Gewehre, und ja, wenn sie danebenschießen, ist das wenigstens ein bisschen prima.
Abends dann wieder: “Was wird denn heute Abend geklaut in Eurem Film?” “Das wissen wir noch nicht.” “Und was ist ein Tatort?” “So nennt man den Ort, wo etwas passiert ist.” “Und da sprechen die dann ukrainisch?” “Öh?”
Wir haben ein bisschen gebraucht, bis wir verstanden haben, warum man im Tatort ukrainisch reden soll.
(Und mit 13 versteht man dann auf einmal ukrainisch und darf Krimis sehen, aber wenigstens bis dahin wird alles durch eine Sprachgrenze ferngehalten, was nicht in Kinderköpfe gehört. Deal.)

Für alle lütten Leckersnuten

Eine der großen örtlichen Bäckereien lädt in der Adventszeit Kindergartengruppen zur Weihnachtsbäckerei in ihre professionelle Backstube ein. Für den Bäcker ist es eine nicht ganz unaufwendige Werbung, für ungefähr alle Kindergartenkinder der Stadt ein großes Vergnügen. Gestern war Nunos Gruppe dran, die 25 Kinder wurden außer von den Erzieherinnen auch von einzelnen Müttern begleitet, die beim Beaufsichtigen helfen (nicht, dass eines der Kinder irgendwann wie die Hexe im raumgroßen Ofen landet, wo 600 Brote Platz haben). Tatsächlich sind die Kinder aber in so einem Umfeld ausgesprochen diszipliniert, sie standen allesamt stundenlang auf umgedrehten Brotkörben als Fußbänke um den riesigen Arbeitstisch herum und werkelten. Wir begleitenden Mütter hatten gar nicht viel zu tun und haben dann eher mal – im Interesse aller späteren Kekse-Esser – Nasen geputzt, den Kleineren beim Ausstechen geholfen oder volle gegen leere Bleche ausgetauscht. Beim sehr ernsthaften Backen unterstützt wurden die Kinder von drei reizenden Profis, die nach dem Advent mit täglicher Kindergartenbäckerei sicher einen keksfreien Tag oder vielleicht wenigstens einen Orden aus Salzteig verdient haben. (Der Keksteig wird von den Profis erstaunlich dick ausgerollt, das ist aber möglicherweise der besseren Handhabbarkeit durch Kinderhände und der dazugehörigen Frustrationstoleranz geschuldet. Das hatte allerdings letztes Jahr schon erbittere Diskussionen mit zum heimischen Backen eingeladenen Besuchskindern zur Folge, denen mein Teig viel zu dünn war. Wenigstens fingerdick, so die Norm unter Dreijährigen dieser Stadt. Erfolgreiche Kundenprägung, so geht’s!)

Während der ganze Wagen voller Keksbleche im Ofen war, durften wir die Bäckerei besichtigen. Eine Kita-Gruppe wiegt übrigens zusammen – ohne Erzieherinnen – 372,5 kg, und ein Besuch im Kühlraum belebt die zuckrig verklebten Geister schlagartig.
Es ist interessant, wie unterschiedlich diese kleinen Menschen arbeiten. Manche stechen sehr sorgfältig sehr wenige Herzen aus, andere basteln aus den Teigresten neue Figuren, manche haben eine fast industrielle Produktion an Sternschnuppen, während wieder andere zaghaft den Tannenbaum mit nur minimalen Verschiebungen an immer fast die gleiche Stelle ihres Teigstückes drücken und dann nur einzelne Zweigspitzen aufs Blech befördern können.

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Noch unterschiedlicher sind sie beim Verzieren, von sorgfältig als Augen ausgewählten Rosinen über exakt gebaute Zäune aus aufrecht stehenden Mandelsplittern bis zu veritablen Erdrutschen aus Hagelzucker (“kannst du mir auch mal das Salz geben?”) war alles dabei. Unter der Deko auf dem letzten Bild waren jedenfalls vorher irgendwo Kekse.

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Wir hatten zuvor schon das ganze Wochenende zu Hause Kekse gebacken, und zwar in rauhen Mengen. (Bereits nach vier Stunden Ausstecherle fragt man sich ja, warum man je geduscht hat… Außerdem habe ich nun in der Küche wieder das gleiche Platzproblem wie jeden Dezember.) Von daher ist es nicht verwunderlich, dass das Thema Nuno bis in den Schlaf verfolgt. Heute Nacht rief er mich mehrmals, und als ich ihn schließlich fragte, was er denn eigentlich wolle, murmelte er, ohne ganz aufzuwachen: “Ich will das Herz…” Meines hat er ja, also meinte er wohl das Ausstecherle. Tagsüber hat er dann in den Backpausen noch Rezepte notiert. Falls Sie also noch etwas backen möchten, hier ein Rezeptvorschlag vom Sohn. Er hat es zwar nur für einen Bäcker namens THOMAS verfasst, aber Sie dürfen sich sicher inspirieren lassen. Gutes Gelingen.

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