Schuld sind nur die Akademikerinnen. Also wir. Sehen wir der Tatsache ins trübe Auge.
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August
Es gibt genau zwei gute Gründe, sich über das nahende Ende des Sommers zu freuen: Der eine sind meine Füße, die nach herrlichen Wochen des Barfußlaufens und der offenen Schuhe so kaputt sind, dass ich bei jedem Schritt an die kleine Meerjungfrau denke. Jeder Schritt ein Schritt in ein offenes Messer. Socken mit Creme werden eine Erleichterung sein und sehen mag diese nackten Füße, ruckediguh, Blut ist im Schuh, auch schon lange keiner mehr.
Der zweite Grund fällt mir gerade nicht ein.
Rosen, Tulpen, Nelken
(Gebrauchsanweisung:
1. Taschentuch suchen
2. Kaltmamsells Blogeintrag lesen
3. bei Bedarf Taschentuch benutzen
4. Video schauen
5. (Reihenfolge nicht umdrehen!)
6. Taschentuch benutzen
7. seufzen
8. einem Herzmenschen Blumen schenken)
II. Fleurop
…anstatt verheult und krustig…
Ach, Georgette.
Tangoschuhe
Am 22. März habe ich über meine neuen Tangoschuhe geschrieben und versprochen, Bilder der edlen Stöckel nachzureichen.Seitdem ist ja gerade mal ein Monat und ein bisschen vergangen. Liebe Monika, liebe Elbnymphe, liebe Tangueras, hier sind sie. (Alle anderen sagen wohl: Ach so. Schuhe. Jo.) Noch in Buenos Aires und im Spiegel fotografiert, die Fotoqualität ginge besser, für Details können die Bilder aber großgeklickt werden.
Die beiden Schuhe haben zwar die gleiche Absatzhöhe, ich werde sie aber in Zukunft wohl trotzdem nicht gemeinsam, sondern mit ihrem jeweiligen Partner tragen.
Comme il faut:
Also, die beiden Läden, puristisch und unplüschig.
Ich bin Arbeiterin
1. Was machst du beruflich?
Ich bin zu Hause bei meinen drei Töchtern, und ich arbeite in einer Papierfabrik.
2. Was ist gut – was ist nicht so gut daran?
Meine Töchter sind wunderbar, und als Gastronomentochter verstehe ich es auch, einen Haushalt zu führen.
Die Arbeit in der Papierfabrik ist furchtbar. Meine Händen reißen blutig auf, ich atme Staub ein, muss ständig husten, was mir wegen meiner Tuberkulose, die ich einmal hatte und von der niemand wissen darf, denn das ist eine Armeleutekrankheit, immer wieder Sorgen macht. Die Mädchen neben mir kommen auch aus dem Osten, aber trotzdem haben wir uns nicht viel zu erzählen. Früher ist es uns gut gegangen, meine Mutter und ich trugen bis zum Krieg schöne Kleider vom Schneider aus Stralsund, wir haben hart gearbeitet, aber wir waren elegant. Mein Vater hat Geige gespielt und Samstag war Tanz.
Nun arbeite ich in der Papierfabrik, weil wir uns wieder etwas aufbauen möchten. Die Mädchen sollen in einem eigenen Haus aufwachsen, und wir möchten wieder ganz zu Hause sein.
3. Was wäre dein absoluter Traumberuf?
Ich wäre gerne Sportlehrerin geworden.
4. Warum gerade dieser?
In der Schule hatte ich eine Sportlehrerin, die ich sehr bewundert habe. Sie konnte turnen und laufen, aber auch segeln und vor allem leicht und elegant schwimmen. Ich habe immer gerne geturnt, obwohl ich groß für Mädchen war, war ich geschickt am Reck. Später konnte ich auch gut ruhig sitzen, nähen und stricken, aber in der Schule habe ich die Turnstunden geliebt. Am Strand sind wir Freundinnen immer auf dem Geländer der Seebrücke balanciert und haben Rad geschlagen. Und ich habe gerne den kleineren Mädchen beigebracht, wie man einen Stein weit in die Ostsee wirft, wie man ihn springen lässt bei ruhiger See, und wie man einen sicheren Kopfstand macht, konnte ich auch zeigen. Vor allem aber wollte ich vielleicht selber schwimmen lernen. Denn obwohl ich am Meer aufgewachsen bin, durfte ich nie schwimmen lernen. Als kleines Mädchen wäre ich einmal fast ertrunken, und dann wollten meine Eltern mich nie wieder im Wasser sehen.
Sie wollten mich auch schützen, als sie mich kurz vor dem Abitur vom Lyzeum nahmen. Man vermutete Rheuma bei mir, aber nach einem Jahr war es vorbei – und die Schule auch, unwiederbringlich. Ich habe später meinen W. geheiratet, der Soldat war, so blieb ich noch bei meinen Eltern und half ein bisschen im Restaurant, als die Russen da waren, mussten wir den Betrieb für sie aufrecht erhalten. Nach dem Krieg musste ich fort aus der Heimat und in den Westen fliehen. Als Flüchtlingsmädchen darf man dann keine Ansprüche mehr stellen, bei der Schwiegermutter nicht und auch sonst nicht im Leben. Ich konnte froh sein über die Wohnung auf dem Hof der Matratzenfabrik, denn groß genug war sie und wir hielten Hühner im Hof, und ich konnte wohl froh sein, dass ich als Ungelernte aus Vorpommern eine Arbeit hatte. Glücklich war ich nicht bei der Arbeit, glücklich war ich bei meinen Lieben.
(U.V., *1919. Meine Großmutter.)
40 Tage Buenos Aires [36]
Initiationsrituale sind eine merkwürdige Sache, aber man kann sich das Prinzip ja erklären, der Neuling muss durch schwere Prüfungen, muss sich durch Scham an die neue Gruppe binden und mit Mutproben beweisen, dass er ihrer würdig ist. Und vielleicht kann man die Rituale, die einen Lebensabschnitt beenden, ja genauso verstehen, ist das Ende doch wiederum ein Anfang. Zu dem Verdoktorungsritual, das ich selbst mitgemacht habe, gehörte ebenfalls ein Moment des Zurschaustellens, eine leichte Form des Spotts, wenn der neue Doktor im Bollerwagen hockend durch die Stadt gezogen wird. Das Küssen der Figur auf dem zentralen Brunnen dann leitet sich wohl daraus ab, dass der ehrenwerte Akademiker, kaum in den höheren Stand gehoben, gleich mit einem Gesetz brechen soll, wohl um die neue Würde nicht allzu ernst zu nehmen. Das Erklimmen des Brunnens ist letztlich ganz aufregend und der Moment des Kusses ein besonderer. Man steht hoch über den applaudierenden Freunden, Verwandten und Kollegen samt Prüfern und drückt einer Metallfigur einen Kuss auf, vielleicht albern, aber dann erst zählt es wirklich, doch, das war unabhängig von den möglichen Ursprüngen des komischen Brauchs tatsächlich erhebend.
Hier wird das Ende des Studiums mit Ritualen begangen, die an Initiationsriten erinnern. Ich weiß von jungen argentinischen Ärzten, die nackt an Laternen auf der Hauptstraße gefesselt wurden, vor allem werden die jungen Akademiker allesamt nach der letzten Prüfung auf der Straße mit Ei und Mehl und anderen farbigen und klebrigen Lebensmittel beschmiert. Die erfolgreichen Absolventen der Universitäten erkennt man also daran, dass ihnen Ei aus den Haaren tropft und sie über und über mit Mehlkleister, Senf und Tomatensoße bedeckt sind. Sie werden direkt vor den Toren ihrer Institute von Kommilitonen und anderen Freunden solcherart geteert und gefedert und verbringen den restlichen Tag in diesem Aufzug. Bei der jungen Ärztin oben haben sie gerade erst angefangen, noch ginge das vielleicht als kleiner Küchenunfall durch, doch die Umstehenden waren mit Eiern und mehr Senf bewaffnet. Warum mit Lebensmitteln? Eine Theorie besagt, dass Ei und Mehl besonders gut kleben und nach einer Weile streng riechen, der Effekt also von Dauer ist. Die Eier-Mehl-Kruste scheint mir ja auch den Ausdruck “frisch gebacken” zu versinnbildlichen, aber das ist natürlich eine Kurzschlussübersetzung aus dem Deutschen.
Heute Nachmittag war ich nach dem Spielplatz trotz der wenigen Tangos, die ich hier getanzt habe, neue Tangoschuhe kaufen. Meine alten Schuhe sind immer noch meine allerersten Tanzschuhe und sie werden nach 10 Jahren vor allem von gutem Willen zusammengehalten, und vielleicht ergibt sich ja doch nochmal die Gelegenheit, wieder länger Tango zu tanzen.
Ich habe – surprise – sehr lange gebraucht, um mich zu entscheiden, es aber noch vor Ladenschluss geschafft. Die Tangoleserinnen, von denen ich inzwischen weiß, werden nun eines wollen: Fotos! Leider lässt mich auf den letzten Metern dieser Reise die Technik im Stich, ich habe es zwar endlich geschafft, eines der beiden Bilder von gestern und die Absolventin oben hochzuladen, das zweite Foto will sich aber wieder nicht einstellen lassen. Die Fehlermeldung behauptet, es sei ein Serverproblem. Ich versuche es weiter und reiche Bilder nach, wollte sowieso noch eine Tangoserie posten.
Es gibt mit dem Tangoboom nicht wenig spezielle Tangoschuhgeschäfte, die besten scheinen aber sehr diskret zu sein. Für Percanto haben wir ja schon ganz zu Anfang im Laden Tango Brujo Trainingsschuhe gekauft, und dieser Laden verbarg sich in einer Privatwohnung im 10. Stock eines normalen Wohnhauses, kein Schild verriet draußen etwas von seiner Existenz. Heute fiel die Wahl auf den auf Damentangoschuhe spezialisierten Laden Comme il faut. (Link führt zu einem spärlichen Foto vom Innenraum und einem von der Passage.) Ein bisschen leichter als der erste Laden war er zu finden, denn in der Passage hing am 1. Stock ein kleines Hinweisschild mit nichts weiter als dem Namen. Der Laden besteht aus einem kleinen Raum, rechts geht es auf einen Balkon und in einen weiteren Raum, der Raum ist das Lager und auch auf dem Balkon stapeln sich die schlicht weißen Schuhkartons.
Das Parkett des Verkaufsraums ist mit einem quadratischen grauen Teppich fast vollständig abgedeckt, die probierenden Damen müssen auf dem Teppich bleiben und dürfen nicht aufs Parkett stöckeln. In U-Form stehen drei niedrige schwarze Bänke mit goldenen Beinchen im Rokoko-Schwung, an der vierten Seite ein großer Spiegel mit Goldrahmen. Der Raum ist voll, obwohl sich die meisten schneller entscheiden als ich, sind heute Nachmittag ständig vier bis zu zehn Frauen da, die Schuhe probieren, dazu Männer, die an der Wand neben der Eingangstür stehen und mehr oder weniger qualifizierte Kommentare abgeben, sowie die Verkäuferinnen, die uns betreuen. Alles ist wunderbar dekorativ und ein ziemliches Spektakel, leider hängen überall “Foto verboten”-Schilder, auf die ein begleitender Herr mit Canon um den Hals auch nachdrücklich hingewiesen wird. Auch mit dem Versprechen, damit Werbung zu posten, darf ich keine Bilder amachen, schade. Das Schuhekaufen selbst läuft wie folgt ab: Was man sucht, braucht man nicht zu erklären, es gibt ja nur Tangoschuhe. Ich werde nach meiner Schuhgröße gefragt, 39 oder 40, bekomme einen Platz auf der mittleren Bank zugewiesen und mir werden zwei Schuhe gebracht, um die Größe festzustellen. Welches Modell ist erst einmal egal, und ich kann sowieso nicht auf eines zeigen, was mir gefiele: Es sind überhaupt keine Schuhe ausgestellt, sie befinden sich alle entweder an den Füßen oder um die probierenden Kundinnen herum oder in Kartons nebenan. Es gibt kein Schaufenster, keine Regale, keine Ausstellung. Ich ziehe ein rot-schwarzes Paar in 39 an, die Verkäuferin findet es zu groß, nimmt das Paar in 40 gleich wieder mit und bringt mir 38. Ich wundere mich, 38 habe ich nun wirklich nie, aber probiere das nächste Beispielpaar in 38, blau-gold. Besser, stimmt. Ich stehe und gucke auf meine Zehen, die Inhaberin des Ladens wirft einen kritischen Blick auf meine Füße und ordert 37. Das ist albern, ich hatte mal 40/41 und inzwischen 39/40, aber 37? Doch ich spiele mit und bekomme sie an den Fuß, finde ihn aber zu eng und der Mittelzeh steht über, wenn ich das Gewicht auf das Bein lege. Die Inhaberin tendiert zu 37, ist aber auch mit 38 einverstanden. Dann kann es losgehen, Modelle in 38. Die Verkäuferin fragt auch weiterhin nicht nach meinen Vorstellungen, sondern kommt mit einem Stapel Kartons, öffnet einen nach dem anderen, zeigt und lässt mich probieren. Den rosa Schuh mit Rüsche und Schleife lasse ich ebenso unprobiert zurückgehen wie den mit dem Kilo Goldglitzer am Absatz, auch den orangefarbenen Lackschuh mit lila Riemen lasse ich aus. Ansonsten probier ich fast alles an, am liebsten mag ich ja immer schon die Tangoschuhe mit Mittelriemen oder gekreuzten Riemen, davon sind nicht viele dabei. Nach einer langen, langen Probierphase, in der ich auch mal auf einen Schuh einer anderen Kundin zeige – den? “Den gibts nur in 39″ – oder die anderen kkundigen Kundinnen klar Ablehnung oder Zustimmung formulieren – bei dem hier steht das eigentlich kaum vorhandene Überbein raus, der ist toll, der rote verlängert Dein Bein, der silber-blaue ist wunderschön, aber hast Du blaue Tangokleider? Der schwarze mit der echten Schleife verkürzt optisch, der blau-glitzernde ist mir selbst zu sehr Rummel, beim Lack-und-Silber-Schuh macht Percanto Halsabschneidegesten. Ich sortiere alle aus, die hinten offen sind, dafür sind meine Füße nicht gemacht, und alles was Pink oder Lila ist. Am Ende hab ich nur je einen mit gekreuzten Riemchen (rot-schwarz, normale Sandalenform, schwarzer Absatz mit rotem Ende) oder Mittelriemen (schwarz-gold), aber auch diese beiden werden es letztlich nicht, der mit den Kreuzriemen bietet nicht genug Halt für einen Tanzschuh und der andere fällt beim Publikum durch. Eine Venezolanerin probiert vor allem die Farben, die ich gleich aussortiere, und kauft schließlich gleich sieben Paar; eine ältere Argentinierin verlangt ein “schönes Paar”, weil sie morgen gefilmt wird; zwei Deutsche sind gemeinsam da, aber nur die eine probiert Schuhe, weil die andere bereits woanders Tangeschuhe gekauft hat, worüber sie sich nun ärgert; die graumelierte Argentinierin neben mir greift sich über die Ordnung der Verkäuferinnen hinweg immer meine Schuhe, findet dann aber die Absätze für ihr Alter zu hoch, “für Dich sind die toll, aber ich fall damit einmal hin und steh nie wieder auf”, lacht sie, ist jedoch offenbar eine sehr geübte Tänzerin; eine ganz in schwarz gekleidete Asiatin dreht sich wortlos auf metallfarbenen Absätzen vor dem Spiegel.
Schließlich verlasse ich den Laden mit zwei Paaren, beide sind vorne offen und aus Wildleder, der eine recht schlicht schwarz mit kupferfarbenen (huch! Kupfer! Sieht aber erstaunlich gut aus, und erstaunlich unauffällig) Riemen und Absatz, der andere ein klischeehafter Tangoschuh, schwarze Basis mit rotgeschwungenen Rändern und Riemen, der Absatz rot. Die Absätze sind sicher 2cm höher als die meiner alten Tangoschuhe, deren Absatz ich eigentlich immer für 7cm gehalten habe. Außerdem sind es Bleistiftabsätze statt des alten Barockabsatzes. Ich stehe sehr hoch auf wenig Grund. Vor der Tür fühle ich mich in meinen normalen flachen Straßensandalen klein und, trotz nettem Kleid, unelegant. Kleider machen Leute, Schuhe machen Tänzer.
40 Tage Buenos Aires [34]
An manchen Tagen läuft fast alles anders als geplant. Da heute die Schwiegermutter da und mit Mann und Kind auf dem Spielplatz war, bin ich alleine losgezogen und war am Puerto Madero zum Fotografieren. Es waren auch gute Motive, halbwegs vernünftiges Licht und Lust vorhanden, es sind auch einige brauchbare Bilder dabei, nur hat bei mir am Ende wie immer Architektur wenig Chance gegen Menschen. Auf dem Weg zum Hafen bin ich in einen aufwendigen Filmdreh geraten; ich hatte schon die Konfetti im Rinnstein fotografiert, als ich merkte, dass die gesamte Avenida Corrientes jenseits der 9 de Julio gesperrt war, ein Kamerakran und riesige Beleuchtungsanlagen schwebten über der Straße. Und auf dem Asphalt etwa 50 gleich (knapp) gekleidete Mädchen mit weißblonden Perücken und silbernen Pompons, die wieder und wieder ordentlich in drei Reihen die Corrientes herunterrollten, den Obelisken im Rücken, ein strahlendes Lächeln im Gesicht und die Pompons in der Luft. Ich hab mich eine Weile mit einem sich wichtig machenden Mitglied des Filmteams geredet, der am Rand herumstand und mich auch in die abgesperrte Zone gelassen hat, “ein Fotograf muss frech sein”, meinte er augenzwinkernd, die zentral aufgenommen Bilder finde ich allerdings wie erwartet langweilig. Das Ganze wird ein Werbefilm für die Kaugummimarke Trident, ich soll ihn dann mal im Internet suchen.
Dann ein Hafenrundgang auf den edel hergerichteten Docks – als ich vor neun Jahren hier war, waren im äußersten Teil auf der Höhe von San Telmo noch verfallene Lagerhäuser, das fand ich ja reizvoller, nicht nur für die Fotografenseele. Puerto Madero hatte ich immer für den alten Holzhafen gehalten, von madera = Holz, auch wenn das grammatikalisch noch nie hinkommen konnte, es stimmt auch nicht. Madero war einfach der Name des Architekten, der den Hafen Ende des 19. Jahrhunderts entworfen hat. Kaum war er fertig, wurde allerdings für inzwischen deutlich größere Schiffe ein größerer Hafen gebraucht, und das Vierte verfiel. Seit etwa 20 Jahren wird die Hafengegend nun modernisiert, in den edel renovierten alten Lagerhallen sind teure Restaurants untergebracht, im Hafen angesagte Diskotheken und Yacht-Clubs, dahinter entstehen mal wieder Hochhäuser, hier in der Luxusvariante und voll verspiegelt. La Boca ist der pintoreske Hafen der Armen, Puerto Madero das neue Reichenviertel direkt am Río de la Plata. Sogar das Eis der Kette “Freddo” ist in der Filiale hier noch einen Peso teurer als im schon gut betuchten Viertel Recoleta.
Die Straßen tragen hier alle Frauennamen, eine weiße und etwas pieksig nach oben geschwungene Fußgängerbrücke, die die Richtung Stadt gelegenen Docks mit der Hochhaus-Wohngegend am Fluss verbindet und “Wahrzeichen, Wahrzeichen” zu rufen scheint, heißt auch “puente de la mujer”, Fauenbrücke.
Auf dem Rückweg höre ich noch eine Weile Straßenmusikern zu und versuche wieder mal vergeblich, in Chile anzurufen. Schließlich hocke ich eine kleine Ewigkeit auf dem Platz vor dem Justiztpalast auf dem Pflaster und versuche Blattschneideameisen bei der Arbeit zu fotografieren, was aber vor allem eine langwierige und nicht befriedigend endende Auseinandersetzung mit dem Autofokus im Makro-Modus ist. Ich habe nun einige von der Tiefenschärfe her interessante Bilder von den Fliesen auf Plaza Lavalle, sie sehen in Nahaufnahme fast wie das Holocaust-Mahnmahl in Berlin aus. Nach einigen halbwegs erwischten Ameisen gebe ich auf, bevor mir noch die Kamera abhanden kommt; auf dem Platz sind regelrechte Behelfs-Siedlungen aus Planen entstanden, in einigen dieser Zelte wohnen ganze Familien, und einige der Halbobdachlosen beobachten seit einiger Zeit die bekloppte Blonde, die vor dem Baum hockt und den Fußboden fotografiert.
Dann wollen wir nochmal gemeinsam los, im Parque Rivadavia soll ein Tanz-Spektakel stattfinden, das wir uns anschauen möchten. Es soll um 18 Uhr losgehen, als wir um kurz nach sechs aus dem Bus steigen, ist der Park zwar voll und sehr belebt, aber von einer Show keine Spur. Nur vier deutlich übergewichtige Damen in Leggings üben auf einer Rasenfläche in einer Reihe hintereinanderweg Spreizsprünge, das ist als absurdes Tanztheater schon ziemlich gut, aber doch nicht das Angekündigte.
Wir streifen ein bisschen um die antiquarischen Buchstände und fliegenden Händler um den Park herum, fragen nach dem Tanz, aber keiner weiß etwas, anscheinend ist die Show ausgefallen. Dafür gehe ich am Abend noch ins Theater, “Antígonas” von Alberto Muñoz im Kulturzentrum Floreal Gorini gleich um die Ecke. Der Saal ist klein und die Aufführung mäßig besucht, ich habe die vorletzte siebte Reihe ganz für mich allein. Das Stück habe ich etwas zufällig ausgesucht (eigentlich wollte ich in die Oper, aber das würdevolle Teatro Colón wird erst am 25. Mai neu eröffnet, und die Aufführungen von Aida und Turandot in der anderen Oper sind nur Übertragungen aus New York, auf Großleinwand, das hab ich dann doch nicht gemacht), es entpuppt sich als Zwei-Personen-Stück. Zwei Frauen spielen vier mal zwei Frauen in unterschiedlichen Situationen. Leider wird mir zu wenig gespielt und zu viel Dialog gesprochen, es passiert einfach nichts. Zudem steht das Stück für mich schnell unter Esosterik-Verdacht, es geht immer um irgendwas Besonderes in der Wahrnehmung der Frauen, was aber nicht recht benannt werden kann. Bei der dritten Szene gefällt mir die visuelle Umsetzung, die beiden Frauen – in diesem Moment Schwestern – sitzen auf einer Art Wipp-Brett, das sie selbst bewegen und mit Unterstützung von zwei Stöcken als Riemen so ein Ruderboot in den Wellen darstellen. In der vierten Szene mag ich den Text eines Dialogs, in dem eine Patientin und eine Therapeutin gegeneinander rezitieren. Erst unterhalten sie sich über Beipackzettel, die mit Literatur analog gesetzt werden (“der Schluss ist immer der gleiche”), am Ende der Szene sagt die Patientin Beipackzettel auf und die Therapeuting spricht gleichzeitig Gedichte dazu, das wird gut.
Ansonsten muss ich mich aber der Frau der ersten Szene anschließen, die zu einer Schönheitskur will und einer mystisch-religiös-erweckten Behandlung unterzogen wird, Gott sei für die Männer, aber Christus, Christus sei für die Frauen. “Ich will das hier nicht, ich bin für etwas anderes gekommen”, jammert sie, und die andere erwidert: “Wir alle sind für etwas anderes gekommen”, und dem musste ich zustimmen.
Zum Abschluss noch ein Gegenentwurf zu den Dutzenden bonbonfarbener uniformierter Rollergirls, eine junge Frau auf den Stufen des Justizpalasts “Tribunales”.
Und morgen fahre ich aufs Land.
40 Tage Buenos Aires [22]
Die andere Großmutter ist heute da, und nachdem wir zusammen auf dem Spielplatz waren und Café con leche mit Medialunas gegessen haben, nutzten wir sie als Babysitter und sind zu Percantos altem Frisör gegangen. Oben hat Víctor Percanto die Haare geschnitten, im Erdgeschoss hat mir Walter einen etwas fransigeren Schnitt verpasst. Er war von oben bis unten tätowiert, darum hab ich lieber dazugesagt, dass ich “eher klassisch” bin. Ist auch im Prinzip die gleiche Frisur wie immer, nur etwas deutlichere Stufen. Ich war schon einmal dort, damals war es noch “D’Antuan” und ging über die doppelte Ladenbreite, im oberen Stockwerk saß man in einem prachtvollen Saal wie in Museumsnischen für Marmorstatuen unter großen Bögen. Unten war es heute ein gewöhnlicher Frisör, nur mit extragroßen Spiegeln. Oben werden nur die Männerköpfe geschnitten, und dort liegen keine Promi-Zeitschriften aus, sondern es läuft, wie man auf dem Bild sehen kann, ein Fernseher mit Fußball.
Frisör ist in Argentinien ein klassischer Männer-Beruf, es gibt auch einzelne Frauen, aber denen seien die Haare besser nicht anzuvertrauen, sagt man (das ist mein Beitrag zum Internationalen Tag der Frau 2010). Wie in fast überall ist im Laden mehr Personal als Kundschaft anzutreffen, einige deutlich schwule Frisöre lungern auf leeren Sesseln, ein anderer massiert der einzigen Frisörin den Rücken, während diese einer Kundin blonde Strähnen verpasst, und auch am Empfang sind Frauen, gleich drei hübsche Mädchen möchten mich einem der freien Frisöre vermitteln. Auch die Spiegel werden von einer extra dafür angestellten Frau geputzt, sonst ist nicht viel los, auch im oberen Stockwerk, wo inzwischen Víctor alleine arbeitet, dämmert nur ein Kunde vor dem Fernseher, während Percanto die Haare ausgedünnt werden.
(Haare ausdünnen. Das sind so Dinge, die man sich mit handelsüblichen deutschen Haaren kaum vorstellen kann.)
Freundin H. erzählte mir gestern, dass alle Neugeborenen hier sofort nach der Geburt der Mutter weggenommen werden, für die U1, aber auch zum Baden und Anziehen in einem anderen Raum. Außerdem wird allen Neugeborenen sofort der Kopf geschoren – und die kleinen Mädchen bekommen wenige Minuten nach der Geburt Ohrringe verpasst. Das kenne ich noch aus Peru, dort war das Argument, in dem Alter täte es ihnen noch nicht weh. Klar.
H. hat sich (natürlich!) verweigert und musste dafür extra eine Art Einwilligung unterschreiben, dass sie tatsächlich nicht wollte, dass ihrer Tochter nach der Geburt die Haare geschoren werden, und Ohrringe wirklich und wahrhaftig auch nicht. Es haben auch wirklich alle Mädchen und Babypuppen Ohrstecker.
Die Schwiegermutter hat mir heute umständlich erklärt, dass sie Percanto als Baby auch nicht hat kahlscheren lassen, und darum sei er erst blond gewesen und dann dunkel geworden. So ganz versteh ich die Geschichte nicht, zumal Percanto die schwärzstesten Haare der Welt hat. Geschoren wäre er sicher blond geblieben, sicher. Wobei man vielleicht sagen muss, dass “blond” das meiste ab einem satten Kastanienbraun ist. Auf den Spielplätzen dieser Viertel der oberen Mittelschicht sind aber tatsächlich viele blonde und blauäuige Kinder mit indigen Kinderfrauen, weshalb ich mit meinem Sohn mit seinen Schokokeksaugen und braunen Locken aussehe, als hätte ich mit irgendjemandem die Kinder vertauscht. (Insider für diejenigen, die uns kennen: Die Schwiegermutter fragte mich heute, ob ich (auch nach drei Jahren ohne Sonne noch ziemlich blond) eigentlich noch blonder sei als mein mittelbrünetter Sohn… der braune Haare hat, oder ihr zufolge eben blonde, obwohl er nicht geschoren wurde, oder gerade darum, man weiß es nicht.)
Ansonsten hat heute natürlich “El Secreto de sus ojos” den Oskar für den besten ausländischen Film gewonnen, alle freuen sich, obwohl es vorher hieß, es sei ein eher flacher Film im Vergleich zu anderen dieses Jahr. Vor etwa einer Woche kommentierte eine Zeitung, wenn der Hauptdarsteller gewänne (der übrigens nicht mit zur Preisvergabe durfte, weil seine Anwesenheit angeblich Pech bringt), wer sollte ihn dann noch ertragen! Nun ertragen sie, und glücklich.
Und schließlich wurde hier wieder eine Bank über ein Tunnelsystem ausgeraubt. Nachdem dies vor kurzem bereits einmal passiert war, titelten alle Zeitungen und Nachrichtensender, das sei der “Raub des Jahrhunderts”. Dieses Mal führte der Tunnel in den Raum mit den Tresoren und privaten Safes, es sind über 200 Safes aufgebrochen und geleert worden und man spricht von einer Beute von etwa 10 Millionen US-Dollar, auch wenn man das nie genau wissen wird. Die Leute sind fassungslos und wütend, besondere Aufmerksamkeit erregt allerdings ein Detail: Die Bankräuber waren so dreist und nervenstark, dass sie innen an die Wand des Tresorraums geschrieben haben: “Dies ist nicht der Raub des Jahrhunderts. Dies ist der Raub des Jahrtausends.” Ich finde ja, auch das verdient zumindest eine Nominierung für die Oskars, Kategorie “Raub & Überfall”.