12 Tage Santiago [8]

Valparaíso – schon jetzt hunderte von Fotos, der Eintrag wird nachgereicht, wenn ich wieder in Santiago bin. Morgen Abend wahrscheinlich.
Auf meinem Flickr-Profil – in der rechten Spalte verlinkt – gibt es im (duennen) Album „Cono Sur“ ein paar 5 Jahre alte Bilder aus Valparaíso, wenn jemand einen Vorgeschmack will. Das Bild im Header ist auch aus Valparaíso, die Blechornamente auf einem Dach.
Bleibt mir treu!

12 Tage Santiago [7]



90 Minuten Zeit für 5 Vorträge à 20 Minuten und eine gemeinsame Diskussion ansetzen (bitte nachrechnen), dann den Raum wechseln und wieder zurückwechseln, die angemeldete Technik nicht parat haben, schließlich 20 Minuten später anfangen und dann von den Vortragenden verlangen, dass einfach jeder nur 10 bis 15 Minuten redet – der Beginn der Sektion ist flexibel, das Ende aber fest, denn im Anschluss gibt es „andere Aktivitäten“ und Kaffee – und dann trotz vieler Meldungen jegliche Diskussion nach dem letzten gehetzten Vortrag unterbinden, weil keine Zeit, auf Drängen einer Vortragenden dann zwar doch Fragen erlauben, aber als Moderator bei der ersten Frage den Raum verlassen und die zweite unterbrechen, nun sei Schluss, definitiv, da kann man sich, nachdem man für diesen Vortrag von 20 Minuten Tausende von Kilometern zurückgelegt hat, sein Leben daheim umständlich umorganisiert und auf hilfreiche Schultern verteilt und eine bitte nie nachzuzählende Summe Geld ausgegeben hat, da kann man sich schon etwas verarscht vorkommen.

Und die kokettierend und achselzuckend vorgebrachte Erklärung „Eso es Chile“ stellt nicht zufrieden, sondern macht erst recht zornig, denn was hat Respektlosigkeit mit einem schlechten Image zu tun, was in Wirklichkeit ja nicht einmal zutrifft, und die Grundrechenarten funktionieren hier, in diesem neoliberalen Wirtschaftsland, doch sonst auch ganz gut.

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Studenten der gastgebenden Uni schämen sich nach eigener Aussage für die (Des-)Organisation, die Kommunikation und den Ablauf innerhalb der „mesas“, andere Vortragende loben den Kongress als „una maravilla, hermosísimo“. Irgendwo dazwischen wird es sein.

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Und dann Studentenproteste auf dem Campus – wogegen, spricht sich nicht rum – und Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei, Tränengas und Steine und Wasserwerfer. Stundenlang belagert sich ein kleines Grüppchen Studenten, am Ende alle pitschnass, mit den im gepanzerten Wasserwerfer verschanzten Carabineros, nur manchmal kommen drei oder vier aus dem Panzer geklettert, mit Helmen und Schilden und immer dicht beieinander bleibend. Die übrigen Studenten, Dichter und Kongressteilnehmer gehen mittlerweile nach Hause oder warten bis abends ab, was passiert. Nichts.

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Über Umwege wird mir heute ein Buch überreicht, in das mir Antonio Skármeta eine ziemliche Widmung geschrieben hat, „amigo“ steht drin und „admirador“, und das Datum: 27.4.2007. Einige Dinge brauchen ihre Zeit, bis sie ankommen.

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Und dann mit den verbliebenen Dichtern noch mehr Lesungen, und eine Gruppe junger Poeten will wild sein und wirft Klopapierrollen durch den Raum und muss selbst etwas lachen, und irgendwann wickelt einer die chilenische Fahne, die neben der Tafel aufgebaut ist, in Klopapier. Der neben mir sitzende Wissenschaftler aus New York flüstert mir zu, dass das in den USA nicht möglich gewesen wäre, die Jungs wären sofort festgenommen worden. Ich flüstere zurück, dass das in Deutschland auch nicht möglich gewesen wäre, sie hätten zwischen den Weltmeisterschaften wahrscheinlich keine Fahne gefunden.

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Eine Gruppe müder und durchgefrorener und etwas desorientierter Wissenschaftler beschließt, nach der letzten Lesung – und irgendeine Lesung wird schließlich die letzte sein – noch was trinken zu gehen.

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Morgen Valparaíso.

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(Bürgersteig, Ñuñoa. Per te.)

12 Tage Santiago [6]

Endlich konnte man die Cordillera sehen! Berge, riesige, ausgewachsene Berge direkt hinter den Häusern, und was ist? Ich stehe im 4. Stock der Fakultät und meine Kamera behauptet, keine Akkuleistung mehr zu haben. Das kann mir sie zwar noch den ganzen Tag mitteilen, aber auslösen kann sie nicht mehr. Nachmittags, als die Kamera aufgeladen ist, sind die Anden allerdings wieder hinter der üblichen Suppe aus Nebel, Wolken und Smog verschwunden, und dann fängt es auch noch an zu regnen. Eine maue Erlebnis- und Foto-Ausbeute heute.


Zum Kongress bin ich zu spät gekommen, weil die U-Bahn immer wieder im Stau stand, wir haben mehr in Tunnels gestanden als dass wir gefahren wären. Die Sektion, zu der ich morgens wollte, war dann aber offenbar sowieso ausgefallen oder nach unbekannt verlegt worden, der Raum war jedenfalls verwaist und keiner der Helfer wusste etwas. Dann wurde es besser. Bisher habe ich noch keinen Vortrag gehört, der duch Präsentationen irgendeiner Art (Folien, PowerPoint, Ausdruckstanz) oder Handouts unterstützt worden wäre. Ich habe für morgen PowerPoint und Handouts, wahrscheinlich denken sie, ich will einen Lückentext in Deutsch als Fremdsprache mit ihnen machen, wenn ich die Zettel austeile. Hoffentlich ist überhaupt noch jemand da, wenn ich vortrage, heute habe ich schon von vielen gehört, die morgen früh abreisen, und ich bin in der allerletzten Sektion „Wissenschaft“, dann gehört das Feld bis zum Abend wieder den Dichtern.

Das Land bereitet sich auf die Fiestas Patrias und das Bicentenario vor. Am 18.9. ist Nationalfeiertag (Doppelfeiertag mit dem 19.), und dieses Jahr wird die Zweihundertjahrfeier der Unabhängigkeit groß inszeniert. „Ah, Du fährst schon vor dem 18.“, das ist die übliche Reaktion auf mein Abreisedatum, das chilenische Jahr scheint sich in vor- und nach dem 18. September zu teilen. Weil die Feiertage dieses Jahr auf Samstag und Sonntag fallen, werden sie verlegt – das Datum des Nationalfeiertags ist zwar unverrückbar im kollektiven Gedächtnis verankert, und der 18. ist nunmal der Samstag, weil es aber unfair ist, wenn ein freier Tag auf ein Wochenende fällt, wurde beschlossen und gesetzlich festgelegt, dass dieses Jahr auch der Freitag davor und der Montag danach Feiertage zu sein haben. Flexible Ersatz- und Kompensationsfeiertage, der zu Ende gedache Brückentag. Nun, keine zwei Wochen vor den Feiertagen, ist das Land jeden Tag in Blau-Weiß-Rot gehüllt. Die Landesfarben scheinen mir sowieso und immer präsent zu sein, auch die Nationalhymne wird zu Gelegenheiten gesungen, wenn meines Erachtens Deutsche nie auf die Idee kämen, ausgerechnet die Hymne zu singen (zum Beispiel haben die verschütteten Minenarbeiter die Nationalhymne in die zu ihnen heruntergelassenen Mikrophone gesungen, und ihre Familien oberirdisch haben dann auch das rituelle „Chi Chi Chi Le Le Le“ intoniert). Aber jetzt schwappen die Landesfarben wirklich überall hin, alles ist voller blau-weiß-roter Girlanden, Windmühlen, Lufballons, Fähnchen, dazu andere landestypische Symbole wie die Strohhüte der Huasos (der chilenische Gegenpart zum argentinischen Gaucho). Ob die Sägespäne, die heute überall in Galerien und Eingängen von Läden gestreut waren, auch folkloristisch an das die nationale Identität prägende Landleben oder die Zeit der Nationengründung erinnern sollen, oder ob es eine unbemerkte Ölpest gab oder ein größerer Kälteeinbruch mit Blitzeis erwartet wird, vermag ich nicht zu sagen.
Das Fahnenmeer erinnert mich auch an die Pueblos Jovenes (Slums) in Peru. In Peru wie auch in Chile ist es zu nationalen Feiertagen Pflicht ist, eine Fahne zu hissen; wer nicht flaggt, muss Strafe zahlen, zumindest in Peru recht rigide. Da die meisten Menschen in den Pueblos Jovenes nicht sicher wussten, wann Feiertag war und wann sie also zu flaggen hatten, behielten sie, um Strafen zu entgehen, einfach die Fahne permanent auf dem improvisierten Dach, soweit vorhanden. So waren die prekärsten Wohngegegenden, wo diejenigen lebten, denen der Staat am wenigsten gab, paradoxer- und irritierenderweise diejenigen, die (bedingt freiwillig) am deutlichsten und dauerhaftesten Flagge zeigten.
El país se viste de fiesta, und manchmal schaut das aus wie bei Christo abgeschaut, manchmal eher nach Kindergeburtstag.

Und wenn ich sage, dass alles in Blau-Weiß-Rot getaucht ist, dann meine ich alles.
Die Qualität der Fotos bitte ich zu entschuldigen, besonders das folgende hat eine rein dokumentarische Funktion:

12 Tage Santiago [5]

Tokio, die zweite. Morgens vor neun ist der Berufsverkehr in der Metro noch viel lustiger, man steht in mehreren Reihen vor der Bahnsteigkante, selbst die gelbuniformierten Helfer halten sich raus, und wenn im Minutentakt die Züge kommen, werden tropfenweise einzelne Passagiere herausgequetscht und die Masse schiebt so lange, bis der Zug nach allgemeinem Verständnis ganz und gar voll ist. Das scheint meist ganz gut zu passen, etwa 3 Reihen vor mir hat allerdings eine Frau ihren Schuh verloren – der schwarze Stöckelschuh stand auf dem Bahnsteig, das Bein ruderte durch den Türspalt hilflos in der Luft, und ein Mann hing mit dem halben Anzug aus dem Zug, doch irgendwie hat man Schuh und Frau wieder zusammengebracht, bevor der Zug losfuhr. Wann die eigene Reihe dran ist, unterliegt der Schwarmintelligenz, irgendwann wirst Du in den Zug geschoben und es geht los. Ich bin dann heute früh etwa 1,5 Stunden U-Bahn gefahren, an der Umsteigestation im Berufsverkehr einsteigen zu wollen, dauert seine Zeit, dann musste ich nochmal umsteigen, von der roten in die blaue Linie. Dort war kaum was los, sehr angenehm. Ich musste dort noch etwas 7 Stationen fahren, bis „Grecia“ – der Zug hielt allerdings erst, schon oberirdisch, eine Station später. Ich war kurz irritiert, dachte dann, ich werde wohl die Station verpasst haben, stieg eins später aus, wechselte die Richtung und fuhr mit dem nächsten Zug zurück. Und auch dieser fuhr ungerührt durch meine Endstation hindurch, kaum verlangsamend, gewiss niemanden aussteigen lassend. Diesmal lag es nicht am meiner Müdigkeit, die Metro hatte definitiv gehalten, und man muss ja wohl in der U-Bahn nicht für „Haltewunsch“ einen Knopf drücken?! Ich habe die Metro-Karte nochmal studiert und mich entschlossen, nicht eine Station nach meiner Wunschstation auszusteigen um erneut die Richtung zu wechseln, sondern zwei Stationen später – denn offenbar liegen auf der blauen Linie 4 sowohl eine grüne als auch eine rote Sub-Linie. Manche Stationen der blauen Linie sind rot, manche grün, manche haben beide Farben – und um zu der Station zu gelangen, zu der ich wollte (grün auf blau) musste ich zunächst mal aus der roten Linie kommen, in der ich stand, und möglichst innerhalb der blauen Linie in einer grüne in Gegenrichtung wechseln. Dafür braucht man einen Doppelbahnhof, an dem die rote wie die grüne Sub-Linie halten. Alles klar? Das ganze hat etwas von einem Strategiespiel, man muss die richtigen Farben in der Hand haben und diese im richtigen Moment ausspielen, ich hatte leider nur „rote U-Bahn“ gezogen und fuhr darum seit 20 Minuten auf der blauen Linie hin und her, ohne je auf meiner grünen Zielstation aussteigen zu können. Nachdem ich schließlich eine rot-grüne Station erreicht hatte, musste ich noch herausgebekommen, woran ich erkenne, welcher Zug wo hält. Da ist nicht so schwierig, man muss es nur einmal kapiert haben: Die grünen oder roten Lichter über den Türen meinen nicht „einsteigen“ oder „nicht einsteigen“, sondern markierten die Sub-Linie, die innerhalb der blauen Linie bedient wird, sagen an, ob der Zug in „Grecia“ oder „Los Presidentes“ anhält. Ein Strategiespiel, ganz sicher, nur lösbar mit den richtigen Karten in der Hand und wenn man im Besitz der Geheiminformationen ist. (Bildungsproteste finden in der ganzen Welt die gleichen Ausdrucksformen.)

(Was unserem Campus in Deutschland fehlt: Tischtennisplatten, Bolzplätze, Schaukeln.)

Danach Kongress, der bisher relativ improvisiert wird, wir haben nicht mal Namensschildchen, und weil ich meine Pass-Nummer nicht auswendig weiß, konnte ich mich auch noch nicht einschreiben, teilgenommen hab ich aber doch und auch einige der bekannteren Namen getroffen und erkannt und Bücher ausgetauscht.


(Este mural para M.E.)

Nach 12 Stunden Vorträgen und Lesungen haben ich meinen Dichter überreden können, die Abendveranstaltung (Lesungen, wie originell) wenn nicht zu schwänzen, so doch abzukürzen, und nachdem in der Reihe vor uns schon Raul Zurita eingeschlafen war sind wir schließlich noch was essen und Wein trinken gegangen. Nach gut 14 Stunden mit der chilenischen Lyrik bin ich etwas angetrunken und habe eine überraschende Lebensbeichte im Gepäck. Morgen versuche ich es noch mal mit der Metro und dem Einschreiben. Gute Nacht.


(Alle Bilder Universidad de Chile. Campus in Ñunoa, Facultad de Filosofía y Humanidades.)

12 Tage Santiago [4]

Jetzt wird’s langweilig: Ich arbeite. Heute habe ich keinen Pulverkaffee im Hostal gefrühstückt, sondern bin an diesem eisigen Wintermorgen – Handschuhwetter! – mit der Metro losgefahren ins nächste Viertel bergaufwärts, um dort in ein Café zu gehen, wo ich vor Jahren mit dem Doktorvater war und später noch ein paar Mal allein, um dort den Vortrag endlich fertig zu bekommen und dann noch durch die Buchhandlungen nebenan. Metro im Berufsverkehr, so etwa stellt sich der Südamerikareisende Tokio vor. Es ist gesteckt voll, manchmal muss man mehrere Züge durchlassen, und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, was eigentlich die Aufgabe der alle 5 Meter an der gelben Abtandslinie postierten Bahnsteig-Aufpasser ist, die nur zur „hora pic“ da sind: Sollen sie verhindern, dass sich Leute von außen an die Waggons hängen, oder sollen sie uns ein bisschen weiter durch die Türen quetschen, damit noch ein Dutzend Passagiere mehr mitkommt? Im Zug kann man nicht umfallen und ich bin ganz froh, größer als der Durchschnitts-Chilene zu sein und halbwegs Luft zu bekommen. Ich bin in „Los Leones“ ausgestiegen und hatte das Gefühl, richtig zu sein. Genau konnte ich es nicht mehr wissen, denn wie ich heute früh festgestellt habe, steht das Stadtplanbuch von Santiago, in dem auch alle Telefonnummern und Geheimtippadressen notiert sind, noch neben den Reiseführen im Regal zu Hause, mitgenommen habe ich stattdessen den Stadtplan von Buenos Aires. Damit komm ich hier nur bedingt weiter. Ich hatte also immerhin das Gefühl, richtig zu sein, den Namen des Cafés wusste ich auch nicht mehr, nur dass es in einer Galerie liegt, deren Namen ich auch nicht erinnerte. Calle (?) Vitacura hatte ich als fixe Idee im Kopf, ohne Gewähr. Ich bin von der U-Bahn aus weiter bergauf gegangen, es musste auf der linken Straßenseite, soweit war ich sicher, aber vielleicht deutlich weiter oben. Zwei Cuadras lang kam mir alles sehr bekannt vor, aber als ich die nächste U-Bahn-Station zu Fuß längst hinter mir gelassen hatte und es fremder wurde, musste ich mir eingestehen, dass die Richtung wohl nicht stimmte. Also umgedreht, wieder vorbei an den Obsthändlern, die gerade die Avocados und die Nuss-Tüten auf Tüchern auf dem Bürgersteig sortieren oder die Bananen an die Stange über dem Obstkarren hängen, vorbei an fliegenden Händlern mit Räucherstäbchen, im Strom der Leute, die zur Arbeit gehen, die Schüler sind schon durch. Als ich den Namen des Cafés sehe, weiß ich es wieder. „Tavelli“, genau. Und die Galerie ist auch noch da, und die Buchhandlung, und er Laden mit den Stoffen und indigen angehauchten Klamotten, in dem sich vor 5 Jahren mal jemand verschanzt hatte, während eine Frau in der Galerie herumlief und uns alle anbrüllte, die seien Räuber, Diebe, unehrenhaftes Gesindel, die nicht das bezahlen, was sie an Waren ankaufen, dann Polizei und das Ende haben wir sie lieber ohne uns ausmachen lassen. Alles noch da, außer dem Schmuckstand in der Mitte der Galerie, dort verkaufen sie jetzt Chile-Bücher und Postkarten. Ich installiere mich im Café und arbeite bis nachmittags, mit Kaffee und Himbeersaft und Crêpes, anschließend gebe ich mein restliches Geld für Bücher aus, die ich für die Lesungen im Herbst brauche – und finde zufällig einen Text-Bild-Band, an dem eine ehemalige Kommilitonin beteiligt ist, allerdings ist, was wirklich gemein ist, ihr Name auf dem Cover falsch geschrieben, und was dann noch übrig ist, investiere ich im Wollpullover – der hier zu Ende gehende Winter ist sicher bald bei uns. Den Heimweg teile ich mit zahllosen Mädchen in Schuluniformen, alle in Dunkelblau mit kurzen Röckchen, die meisten noch mit dicken Schuhen und Stulpen über den Strumpfhosen, einzelne haben nach dem frühlingshaften Wochenende nur Kniestrümpfe unter dem Rock an und darum die Beine farblich passend zur Schuluniform. Und alle haben lange Haare. Im Park haben sich die Pärchen vom Rasen auf die Bänke geflüchtet, überall küssende Schüler unter blühenden Zweigen. Entweder hat dieser Frühling schon mehr Durschlagkraft, als man ihm bei den Temperaturen zutraut, oder es gibt hier mehr Liebespaare, oder sie knutschen mehr, oder sie haben weniger Zimmer für sich allein. Vielleicht auch eine Kombination aus all dem.


Die Berge hängen unsichtbar hinter Wolken, Nebel und Smog, sonst würde ich sie Euch gerne mal zeigen.
Am Abend ist im Centro Cultural Mapocho die Eröffnung des Kongresses. Das Centro Cultural Mapocho ist der alte Bahnhof, ein imposantes Gebäude, in dem auch die Buch- und andere Messen stattfinden.


Leid
er ist es kein Bahnhof mehr, denn Chile hat die Eisenbahn abgeschafft – was eigentlich nicht zu verstehen ist, denn wenn ein Land für die Eisenbahn gemacht zu sein scheint, dann Chile mit seiner „loca geografía“. Man bräuchte nur eine einzige lange Bahnlinie, nur einen Schienenstrang, oder zwei parallele, damit man gleichzeitig in den Süden und den Norden fahren könnte, und damit wäre das ganze Land versorgt.

(Der chilenische Anti-Poet Nicanor Parra meint zum Bahnverkehr in Chile folgendes:

La locomotora del tren instantáneo
está en el lugar de destino (Pto. Montt)
y el último carro en el punto de partida (Stgo.)

la ventaja que presenta este tipo de tren consiste en que el viajero llega
instantáneamente a Puerto Montt en el
momento mismo de abordar el último carro en Santiago
lo único que debe hacer a continuación
es trasladarse con sus maletas
por el interior del tren
hasta llegar al primer carro
una vez realizada esta operación
el viajero puede proceder a abandonar
el tren instantáneo que ha permanecido inmóvil
durante todo el trayecto

Observación: este tipo de tren (directo)
sirve sólo para viajes de ida

[Aus: Hojas de Parra.] )


Die Eröffnung findet im Untergeschoss des Centro Cultural statt und lässt mir fast drei Stunden Zeit, über Sinn und Unsinn dieser Reise nachzudenken. Wir sitzen in einer Art leerem Beton-Schwimmbecken auf Klappstühlchen oder auf den Stufen am Rand, ich friere mir langsam die Beine ab, während vorne erst eine geschlagene Stunde lang Grußworte gelesen und
zur Versicherung der gegenseitigen Freundschaft Bücher unterschrieben werden. Und im Anschluss wird ein Buch vorgestellt, für das zahllose Dichter und bildende Künstler sich vom Nationalepos Araucana haben inspieren lassen. Die Installationen der Künstler sind draußen zu bewundern, aber die Gedichte sollen wir uns anhören – gleich 16 Dichter haben sie eingeladen, ihre Texte bei der Kongresseröffnung zu lesen. Ich liebe Lyrik und ich arbeite furchtbar gerne mit Gedichten, aber so etwas strapaziert meine Geduld. Eine schier endlose Lyrik-Lesung, die furchtbar gut gemeint ist und an der sicher auch gute Leute beteiligt waren, die man aber hinter ihrem Tisch nicht sehen konnte und die fast alle ihre Lesung mit umständlichen Dankesworten für die Einladenden begannen, und deren Texte ich dann einmal höre, ohne die Wörter zu sehen oder einen spitzen Stift zur Hand zu haben, das ist nicht meins. Wäre es noch länger gegangen, sie hätten mich eine veritable Identitätskrise gelesen. Ein Drittel der Poeten widmetete das Gelesene den gefangenen Mapuche, die sich im Hungerstreik befinden, ein Dichter schloss sich dieser Widmung an und ergänzte dann, dass seine Lektüre außerdem den Minenarbeitern im Norden gewidmet sie, denn dort, so ergänzte er etwas schamhaft, komme er her. Höflicher Applaus für diese Ergänzung. Das Auditorium begleitete die Lesungen etwa zur Hälfte frenetisch, die andere Hälfte war eher still oder schlich sich irgendwann raus. Der anschließende „Cóctel“ zur Eröffnung löste sich dann auch entsprechend schnell auf. Ich kannte (oder erkannte) niemanden, den Namen nach müsste ich eigentlich einige kennen, aber Namensschilder gibt es erst morgen und die Namen, zu denen ich bereits ein Gesicht habe, waren nicht da, auch mein Dichter war verhindert, nur ein älterer Dozent der Universität Arica, der kaum mehr Leute kannte als ich, blieb treu an meiner Seite. Fröstelnd erklärten wir das Fest dann relativ bald für beendet. Morgen geht es hier mit Arbeit weiter, ich hoffe, es gibt zwischendurch auch was zu erzählen. Und Licht und Fotos. [Apropos Licht: Oh, Stromausfall!]

12 Tage Santiago [3]

Kalte Winterluft am Morgen, aber sonnig. Ich frühstücke Hostal-Kaffee – Nescafé schwarz, denn in Instantkaffee (was ist nur los mit den Kaffeeländern, dass sie so auf Instantkaffee stehen?) auch noch Instantmilchpulver zu krümeln scheint mir die Lage nicht zu verbessern. Erst danach öffne ich vordfreudig und fast rituell meine Mails, das ist das Gute an der Zeitverschiebung, die Gewissheit, morgens etwas vorzufinden. Und ich finde, nämlich Berichte vom Kind – das beherrscht nun, wie ich erfahre, zwei neue Wörter sicher: „Bagger“ und das Familienwort für „Penis“; Männlichkeitswahn daheim? – und wie jeden Morgen ein für mich geschriebenes und sehr anrührendes Tagebuch. Darin enthalten mein täglicher Ohrwurm, heute habe ich also dem chilenischen Winter angemessen italienische Songs geträllert, bis auf dem Kunsthandwerksmarkt ein albern hüpfender Huayno aus dem Andenhochland dazwischenkam. Außerdem versorgt mich der Liebste am Wochenende mit Nachrichten zu den Spielständen. (Das 3:6 war ein gezieltes Verklappsen der Tippspielrunden, oder?!)

[Foto: Perro chilensis]
Mittags war ich bei Señora Eliana eingeladen, sie ist genauso winzig wie damals und etwas grauer („aber bald färb ich mich wieder!“), auch die Pension ist unverändert, einer der kleinen Hunde ist tot, aber jedes der von den Gästen aus aller Welt mitgebrachten Andenken ist noch an seinem Platz, ebenso Don Felipe, der alte Pensionsgast, der dort nicht wohnt, aber seit 33 Jahren jede einzeln
e Mahlzeit dort einnimmt und zu Hause nicht mal einen Teelöffel hat, und der wie vor 5 Jahren am Kopfende des Esstischs sitzt und wartet. Es gibt eine Kostprobe von Sra Elianas Kochkunst, Kartoffelbrei aus der Tüte mit gekochtem Schinken, zum Nachtisch Banane mit Erdbeermarmelade, und dann bereitet sie uns einen „bajativo“ zu, Fernet mit Menta, ein Eiswürfel, sorgfältig eingeschenkt und von Don Felipe erklärt, wie immer, „Fernet ist bitter und Menta ist süß, und zusammen – exquisit!“, dann umgerührt („so rührt man das um, genau so“) und schließlich nimmt sie einen Teelöffel voll aus meinem Glas, „köstlich“, und lacht selbst über das Theater. Die beiden erzählen vom Erdbeben und ein bisschen von den letzten fünf Jahren, über die es aber nicht so viel zu berichten gibt, nur dass auf die Wahlkampfzentrale von Michelle Bachelet gegenüber irgendwann eine Bombenattentat verübt wurde und dass das Haus nun gelb gestrichen und von Leuten von den Osterinseln bewohnt sei. Ein bisschen reden wir dann noch über das relativ neue Scheidungsrecht, Chile gehört zu den letzten Ländern, die Scheidungen legalisiert haben. Zuvor war es nur (bedingt) möglich, Ehen annullieren zu lassen. Konsequenz der über Jahrzehnte aufgestauten gescheiterten Ehen, die nun endlich auch offiziell auseinandergehen dürfen, sei in Kombination mit einer allgemeinen Heiratsmüdigkeit gewesen, dass im vergangenen Jahr mehr Ehen geschieden als geschlossen wurden. Auch ich kenne jemanden in Chile, der sich vor kurzem von seinem seit fast einem halben Jahrhundert getrennten Partner hat scheiden lassen – allerdings in diesem Fall, um dann umgehend endlich die ebenfalls seit fast einem halben Jahrhundert mit ihnen lebenden „neue“ Liebe und Mutter seiner Kinder zu heiraten.


[Fotos: Kathedrale, Portal und einzelne Bodenfliese]
Anschließend bummele über den Kunsthandwerksmarkt, kaufe dem Söhnchen einen peruanischen Alpaka-Pullover mit Pinguin (der wahrscheinlich „pica“) und probiere Mapuche-Ohrringe an. Diese Ohrringe wollte ich mir schon vor fünf Jahren kaufen und habe es dann aus Geiz nicht mehr gemacht, im März bin ich aus Erdbebengründen nicht dazu gekommen, und heute – heute habe ich sie wieder nicht gekauft, denn so schön der Mapuche-Schmuck ist, er scheint mir einfach nicht zu blondem Fusselhaar zu passen. Die großen Silberanhänger brauchen die wunderschönen, stolzen und unglaublich fotogenen Gesichter der Mapuche-Frauen.

[Foto: Ecke Plaza de Armas, gelb angestrahlt die Post]
Später gehe ich dann durch die Fußgängerzone und hoffe, dass die großartigen Puppenspieler, die ich früher jeden Sonntag angeschaut habe, dort sind – sind sie nicht – und gehe dann mit einem Himbeereis auf die Plaza de Armas. Himbeeren sind nicht unbedingt das erste, was man mit Chile assoziiert, da kommen doch eher die Vulkane, Wollsocken oder Fischgerichte, vielleicht auch – wenn man länger mit mir zu tun hatte – Dichter. Doch man sollte sich die hiesigen Himbeeren in allen Varianten auf keinen Fall entgehen lassen.


[Foto: Kathedrale]

In der Kathedrale gelingt mir vor der Statue des neuesten chilenischen Heiligen, Padre Hurtado, eines von drei Fotos, die ich dort heute gesehen und gern gemacht hätte, die anderen beiden wären das Mädchen gewesen, das mit einem sternförmigen Luftballon in die Krypta steigt (unscharf), und das kleine Mädchen, das sich auf das Becken mit dem Weihwasser lehnt, um an den Tropfen unter der Marmorhand zu kommen (nicht getraut).
[Übrigens ist es hier recht unproblematisch, Menschen zu fotografieren, meist frage ich einfach, und jemand wie „Elvis“, der Schlagzeuger von gestern, bekommt dann auch eine Spende in seine Sammelbüchse.]Am Ende des Abends Kaffee und Lektüre im „Café de las Artes“ in der Nähe des
Museo de Bellas Artes, ein schönes Café, was ich eigentlich gesucht, aber nicht gefunden hatte, und was dann doch auf meinem alternativen Heimweg lag.

12 Tage Santiago [2]

Drei Tage über drei Kontinente war doch anstrengend, und heute Nacht habe ich 11 Stunden geschlafen. Als ich das erste Mal aufwachte, regnete es draußen, ein paar Tropfen waren auf der winzigen Milchglasscheibe meines Zimmers zu sehen, aber es rauschte heftig. Schade, dass mein Schirm im Koffer und der in Atlanta ist, dachte ich, drehte mich zum ersten Mal in dieser Nacht um und schlief weiter. Als ich später wach wurde, regnete es noch immer. Im Bad, was ein größeres Fenster hat, stellte ich dann fest, dass es gar nicht regnete, allerdings ist die Klospülung defekt, daher das Rauschen. Den Vormittag habe ich vorwiegend mit Warten verbracht, Warten auf meinen Dichter, Warten auf jemanden vom Flughafen, der dann hoffentlich meinen Koffer dabei hat. Beide kamen, der Dichter nach einem nicht zu verstehenden Anruf, der Koffer unmittelbar nach einem nachhakenden Anruf meinerseits bei Delta. Sehr gut, es ist doch ganz angenehm, sich alle paar Tage was Frisches anzuziehen. Mein Dichter und ich sind dann losgegangen, ohne genauen Plan, und nachdem ich ihm mein-sein Buch gegeben hatte, konnte er auch nicht mehr klar denken, meinte er. So gingen wir erst mal Richtung U-Bahn, er das noch eingeschweißte Buch in der Hand („damit es keinen Schaden nimmt“), und beschlossen, Dinge zu erledigen, die er sowieso erledigen musste, seine neue Brille abholen zum Beispiel. In Santiago ist jede Art von Laden in einer eigenen Straße angesiedelt, alle Lampenläden liegen nebeneinander in einer einzigen Straße, ebenso alle Antiquariate oder Schuhläden. Wir gingen zu den Brillenläden, die sich vor allem in der Nähe der Biblioteca Nacional ansiedeln, seiner lag in einer Galerie versteckt im 9. Stock. Oben erwarteten uns nur Handwerker, die an der Elektrizität herumschraubten, und auf dem Gang einige deutliche Risse, die das Erdbeben im Februar hinterlassen hat. Plan B war dann ein Kaffee im „Café Colonia“, wo es – was für deutsche Touristen ja maximal halb so attraktiv ist wie vermutet – Kuchen nach deutschen Rezepten gibt. Aber auch Kaffee, und auf Nachfrage auch echten Kaffee („café café“ oder „café de grano“) statt Nescafé. Schon durch die Scheibe wurde mein Dichter von einem etwa gleichalten Herrn gegrüßt, das geht mir mit ihm immer so, dass wir irgendwo hinkommen und er jemanden kennt – dieses Mal war es ein Herr, den er in der Zeit der politischen Verfolgung und Verbannung kennengelernt hatte, ein Leidensgenosse aus der Diktatur, der sich sehr freute, uns zu sehen. Außerdem war es, und auch diese Art von Zufall scheint mir hier System zu haben, der Augenarzt, dem auch der Brillenladen gehört, in dem wir gerade eben vergebelich waren. Wir setzten uns dazu, und etwas zwei Stunden lang rezitierten die beiden Herren um die Wette Gedichte, Spanier des Goldenen Zeitalters oder meinen Dichter selbst. Dem Freund wurde dann die Ehre zuteil, als erster das endlich von der Folie befreite Buch zu öffnen, in dem mein Dichter dann immer wieder ratlos und versonnen blätterte, einzelne Gedichte las oder seine eigenen, eingescannten Briefe aus der Diktatur (den eigentlichen Text versteht er nicht, da auf Deutsch), und mich am Ende bat, ihm eine einzige Frage ehrlich zu beantworten: Ob so ein dickes Buch nicht furchtbar übertrieben sei?


Nach einem weiteren Ausflug in den Brillenladen, diesmal mit dem Freund und Optiker, hatte er seine neuen Brillen und wir gingen zum Zentralen Markt, um dort Mittag zu essen. Die Fischrestaurants auf dem Markt sind legendär, allerdings wurden wir schon auf der Straße vor dem Markt von Abgesandten einzelner Restaurants bedrängt, die uns umwarben. Wir behaupteten zwar, nur Salat kaufen zu wollen (gekauft habe ich allerdings eine Chirimoya und eine Avocado und wollte natürlich fotografieren und tatsächlich Fisch essen), aber so richtig wurden wir die Werber nicht los, das war etwas lästig. Man sollte als Einheimischer nicht mit so offensichtlichen Touristen wie mir unterwegs sein.


Der Fisch war schließlich mittelgut, beziehungsweise der Fisch (Congrio, Seeaal) gut, aber die darauf geworfenen Meeresfrüchte hatten für meinen Geschmack etwas viel Koriander, wenn ich das richtig erkannt habe, dafür wurde um uns herum so laut Karaoke gesungen (und die Pavarotti-Stimmen für echt ausgegeben) und die Fischhändler-Sänger und Mädchen mit echtem Basilikum um Arm und vermeintlichen Opernstimmen so laut gefeiert, dass wir uns kaum noch unterhalten konnten.


Am Nachmittag habe ich mich getraut, in meiner alten Pension vorbeizugehen, die Telefonnummer hatte nicht mehr gestimmt und auch alle anderen Versuche, die Wirtin zu von Deutschland aus zu erreichen waren gescheitert, so dass ich im Geheimen Schlimmes befürchtete. Von außen war nicht zu erkennen, ob das Haus in der kleinen Passage direkt hinter meinem Hostal noch eine Pension war, ob überhaupt noch jemand dort wohnte. Ich habe dann die Enkelin im Schlafanzug herausgeklingelt, die Señora betreibt die Pension noch, sei nur gerade nicht da. Ich bin erleichtert und morgen zum Essen eingeladen.


Schließlich habe ich mich wieder aufgemacht in mein Stammcafé, um dort an meinem Vortag zu schreiben, dieses Mal durch den parallel zum Rio Mapocho verlaufenden Parque Forestal, wo zahllose Pärchen auf dem Rasen lagerten und den Frühling herbeiknutschten. Jetzt m um 10 Uhr abends, tragen die Leute auf der Straße wieder Mützen und dicke Jacken und begeben sich ins Nachtleben. Ich habe zu meinem Vortrag (ein Gedicht muss ich morgen noch in die Mangel nehmen) den wunderbaren Licuado de Frambuesa
(Himbeermilchshake) getrunken, der nicht mehr auf der Karte steht, den sie aber noch haben, und später noch einen – wenn schon! – eher peruanischen Pisco Sour mit Empanaditas, Mini-Empanadas. Diese waren überraschenderweise mit Congrio (Seeaal) gefüllt, und insgesamt hatte ich dann heute genug von Fisch und gehe nun Richtung Hostal. Den Regen versuche ich durch Zurechtruckeln des Spülkasten heute Nacht zu unterbinden.

12 Tage Santiago [1]


(Auch wenn der Titel es suggeriert: 12 Tage Santiago werden sicher nicht so ausfühlich hier Platz finden wie 40 Tage Buenos Aires, die Vertrautheit mit der Stadt ist eine andere, vor allem aber Dauer und Art des Aufenthaltes. Dennoch mag ja vielleicht der ein oder andere Fotos sehen, und dazu gibt es ja möglicherweise auch mal was zu erzählen.)
Zum, wenn ich richtig gezählt habe, achten Mal nach Südamerika geflogen, wieder einen der Einreisestempel mit rot-blauem Farbverlauf bekommen (Stempel sind es mehr als acht, denn die Reisen von einem Land ins nächste habe ich nicht gezählt). Die letzte Etappe der langen Reise begann im Dunkeln, wir warteten auf die Starterlaubnis, während vor uns ein Flugzeug nach dem anderen vampirgleich in den (fast runden) Vollmond abhob. Schließlich auch wir. Dieser Mond beleuchtete die dicken Regenwolken von oben, eine unwirkliche Landschaft in Dunkelgrau, unbewohnt und gespenstisch schön. Ein Blitzen über dem Flügel entpuppte sich dann als Gewitter, was auf Augenhöhe und im Mondlicht von atemberaubender Schönheit ist – ein anthrazitfarbener Wolkenberg, von oben vom Vollmond aufgehellt, leuchtet durch den völlig strukturlosen Blitz auf einmal von innen heraus als Ganzer auf, die gessamte große Wolke zitternde Energie und Licht. Ich habe beim Staunen und Schauen kurzzeitig meine Kamera verflucht und die alte analoge zurückgewünscht, die sich nicht mit dem Kommentar „Motiv zu dunkel“ dem Auslösen verweigert. Leider kein Gewitterbild.
Im Flugzeug von Atlanta nach Santiago das ganze bunte Programm Südamerikareisender. Um mich herum ausgewanderte Familien auf Heimaturlaub, eine allein im Ausland studierende Architektin auf dem Weg zur Abschussfeier ihrer Tochter, eine Gruppe jugendlicher US-Amerikaner in kurzen Hosen und Strohhüten mit Skistiefeln über der Schulter, die den Landeanflug „amazing!“ finden. Womit sie Recht haben, auch wenn man auf dieser Route nicht den spektakulären Sturzflug in die Andengipfel beginnt, der dann doch auf dem überraschend hinter der letzten verschneiten Bergkette auftauchenden Flughafen endet, sondern über das Meer kommt und lange im Dunkeln an der endlosen Küstenlinie entlangfliegt. In etwa 3000m Höhe das Gebiet überflogen, wo die verschütteten Minenarbeiter in 700m Tiefe eingeschlossen sind, und das wahrscheinlich noch bis in den Advent, was ihnen selbst noch verschwiegen wird.

Das Titelthema heute war neben den eingeschlossenen Minenarbeitern das große Erdbeben vom 27. Februar, auf der gesamten Fahrt vom Flughafen in die Stadt gab es Radiofeatures dazu, was ist in den letzten sechs Monaten passiert, wo leben die Menschen noch immer auf der Straße oder in Notunterkünften, welche Brücke ist wieder aufgebaut, welche Versprechen wurden gehalten und was funktioniert noch lange nicht wieder. Unterdessen konnte ich einige der in Santiago ja nur bedingt sichtbaren Schäden des Erdbebens sehen, eingeknickte Stahlträger einer Lagerhalle neben dem Flughafen, der Flughafen selbst zu weiten Teilen Baustelle, wo eingestürzte Teile wieder aufgebaut werden, große Betonbrocken auf dem zerbröselten Mittelstreifen der Straße, die in die Stadt führt und die es damals zusammengeschoben hatte, eine Brücke ohne Geländer und mit zackiger Abbruchkante, durch Pilonen gesichert. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto weniger wurden die Schäden.
Ich bin gut in Santiago angekommen, mein Gepäck allerdings nicht, das ist in Atlanta geblieben. Es wäre schön, wenn es morgen ankäme, so das ein oder andere könnte ich gebrauchen. Das Allernötigste habe ich mir gleich nach der Ankunft besorgt, Handtuch und Deo zum Beispiel, dabei gemerkt, welche Details ich vergessen hatte: Dass es phänotypbedingt hier kein Volumen-Shampoo gibt zum Beispiel. Im Hostal wieder daran erinnert, dass manche Lichtschalter auf Schienbeinhöhe liegen. Und der Geruch – den hatte ich nicht wirklich vergessen, hätte ihn aber, wie bei Gerüchen meist, auch nicht klar erinnern und schon gar nicht beschreiben können, aber jetzt ist er wieder da und ganz vertraut, wie auch die Geräusche. Komisch, dass ganze Länder einen Eigengeruch haben können.


Da ich kaum 500m von meiner Unterkunft von vor fünf Jahren entfernt wohne, ist auch das direkte Umfeld vertraut, und das Vertraute habe ich heute gesucht. Nur hat mir jemand gefehlt, mit dem ich das teilen kann, die Erinnerungen wie das Neue, erzählen und mich oder uns begeistern. In einer schlichten Cafetería um die Ecke habe ich, wie damals gelegentlich mit dem Mitbewohner, einen „Barros Luco“ gegessen, ein Sandwich aus Hamburgerbrötchen mit Fleisch und geschmolzenem Käse, und selbst die Bedienung war die gleiche.


Praktischer Reiseipp: Den Ketchup vorsichtig dosieren, das in der roten Plastikflasche ist nämlich Chilie-Sauce.
In meinem Stamm-Café – die Café-Kultur ist hier lange nicht so ausgeprägt wie nebenan in Argentinien, und ich war 2005 froh, überhaupt ein Café zu finden, wo man länger sitzen kann – habe ich anschließend an meinem Vortrag gearbeitet.
 


In einen südlichen Spätwinter katapultiert habe ich nach einem sonnig milden Tag dann doch in meinen zwei Strickjacken gefröstelt, während draußen die Leute den Frühling witterten: Einzelne Büsche trugen zartes Grün, die Kirschen einzelne Blüten und die Menschen kurze Ärmel zu den dicken Schals und flanierten Eis schleckend vorbei.
Frühling auch auf dem Heimweg durch die Victoriano Lastarria, wo der Buchflohmarkt selbst im Dunkeln noch reges Interesses findet, die Straßen summend voll und alle Tischchen vor den Kneipen besetzt, ich habe mich gefreut über die Gesprächsfetzen, Gerüche und Leute, bin aber vorbeigegangen, nach der mehrtägigen Reise über drei Kontinente und der Zeitumstellung zu müde für Draußen.
 

Und wieder los

Antrag auf eine Dienstreise ausgefüllt.
„Wann beginnt Ihre Dienstreise? (Genaue Uhrzeit angeben!)“ – „Morgen früh, 4:00 Uhr“
„Legen Sie die Dienstreise im eigenen PKW oder mit der Bahn zurück?“ – „Weder noch.“ (Leute, ich fahr nach Chile. Schiff oder Flugzeug wären da die Alternativen.)
„Grund für die Benutzung eines sonstigen Beförderungsmittels (z.B. Mietwagen, Flugzeug) angeben“ -„Chile ist anders kaum in vertretbarer Zeit zu erreichen. Weltkarte liegt bei.“
*
Hostal gebucht. „Bitte überweisen Sie per Kreditkarte eine Anzahlung von € 3,72.“ Keine Kreditkarte gehabt, nicht buchen können. Freunde vor Ort aktiviert, die zum Hostal gefahren sind und für mich 3 Euro angezahlt haben. Hostal gebucht.
*
Dollar für den langen Flughafen-Transit-Aufenthalt getauscht. Einen Stapel Bücher auf Taschen verteilt. Keine Zeit mehr, auch meinen mp3-Player mit Musik zu bespielen.
*
Kindersachen für zwei Wochen gepackt. Musik gehört und nicht geweint. Noch nicht.
*

Kind abgegeben. Kind geküsst. Geweint.
*
Packen.
*
Flugangst wird auch nicht besser, wenn man ein Kind daheim hat.
Packen.

Petite Apokalypse

Und dann war da der Moment, als wir alle nach dem letzten Konzert auf dem ziegelroten Kirchenvorplatz standen, die neuerdings auf Konzertreisen eingeführten Proseccodosen noch in der Hand und die Musik fast noch im Mund und lange noch im Ohr. Hinter uns ragte der Kirchturm mit fratzenziehenden Wasserspeiern, über uns die Krone einer alten Kastanie, dazwischen Abendsonne. Norddeutsches Idyll, in das plötzlich ein Vogel fiel. Er stürzte schnurgerade aus dem Laub über uns, durch nichts, durch keine Reaktion, kein Flügelschlagen abgefangen, und blieb nach dumpfem Schlag auf dem Stein liegen. Und er sah, daß sich der Himmel auftat, und den Geist gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn.“ Ein Federchen trudelte nach, „alle Augen warten auf Dich, Herre“ und waren auf den grauen Körper gerichet. Eine kleine Ringeltaube, die nicht mehr zurückschaute, denn über dem weißen Ringel am Hals fehlte der Kopf.
Oh.
Und dann ein zaghaftes Stimmchen: „Ist die tot?“
Ziemlich. „Nun aber bleibt Taube, Hoffnung, Liebe, diese drei„, doch war in diesem Fall die Hoffnung vergebens.