Ein hellblaues Radio mit Saiten

Zwei Stunden lang sitzt Nuno im Gitarrenladen auf einem Verstärker und spielt auf der selbstausgesuchten hellblauen Ukulele, während der Lieblingsitaliener größere und PS-stärkere Instrumente ausprobiert. Zwei Stunden Hingabe und danach der mit großem Augenaufschlag formulierte Wunsch, sich die “kleine Gitarre” noch zum anstehenden Geburtstag wünschen zu dürfen. Wir nehmen das gute Stück gleich mit, und Nuno ist selig. Er spielt und singt seitdem fast ununterbrochen, und besonders freut er sich, dass es seine kleine Gitarre ist. Anders als bei den Instrumenten der Großen darf er hier nicht nur mal zupfen, sondern – solange er sie gut behandelt – auch alles andere. Einzeltöne (“Unterschiede spielen”, wie er sagt), Schrammeln, die Ukulele ein- und auspacken, mit oder ohne Plektron spielen, mit oder ohne Gesang. Und das beste: Er darf auch an den sonst verbotenen Wirbeln drehen: “Das ist meine kleine Gitarre. Darum darf ich an den Schrauben drehen, bist ein neues Lied kommt.”

Heile Welt der Kinderlieder und Märchen: Darum lieb ich (4)

Nach Wolf-Splatter und Ziegen-Dramen aller Arten kommen wir nun in ruhigere Gewässer. Bei heiteren Liedern im Reihenstil (die “Vogelhochzeit” beispielsweise funktioniert  so) stellen sich ganz andere Fragen: Wie kann man das fortsetzen?
Einer der Favoriten ist zur Zeit “Grün, grün, grün sind alle meine Kleider / grün, grün, grün ist alles was ich hab. / Darum lieb ich alles, was so grün ist / weil mein Schatz ein Jäger, Jäger ist.” (Da ist er schon wieder, der Jäger, schießt hier aber nicht in der Gegend herum und schneidet auch niemandem den Bauch auf.) Weiß ist der Bäcker, Bunt der Maler, Schwarz der Schornsteinfeger, alles wie gehabt. Andere Farben passen wir aber an (Weiß ist manchmal auch der Arzt, und Blau soll der Färbermeister sein? Eher der Polizist), andere werden erweitert: Rot ist natürlich der Feuerwehrmann,  Gelb ist der Briefträger. “Orange!” will das Kind, gut, naheliegend, weil man Schatz ein Müllmann ist. Rosa ist auch kein Problem, weil mein Schatz Balletttänzerin ist. “Jetzt Braun!” Welcher Beruf trägt Braun? Weil mein Schatz ein UPS-Bote ist, hm, wie aus dem Kinderleben gegriffen. Weil mein Schatz ein Fußballprofi bei St. Pauli ist? Weil mein Schatz ein Mediengestalter mit Hornbrille ist? Weil mein Schatz ein Neonazi ist? Ich bin nicht überzeugt, dem Kind ist es egal, er will weiter, nächste Strophe: “Jetzt sing Lila!” Lila, natürlich. “Lila, lila, lila, sind alle meine Farben, lila, lila, lila ist alles was ich hab. Darum lieb ich alles, was so lila ist, weil mein Schatz ein… katholischer Priester ist.” Oha. Schnell weiter mit – petrol?

Heile Welt der Kinderlieder und Märchen: Trullala (2)

Weiter mit martialischen Liedern. “Auf der schwäbschen Eisenbahne” ist vielleicht eher Volks- als Kinderlied, ziert aber immerhin den Titel unseres schönen Kinderliederbuches und wird als besonderes Feature vom Lieblingsitaliener im Originaldialekt gesungen. “Sing die schippsche Eisenbahne mal auf Schwäbisch, bitte.” Dialektales Liedgut erfordert natürlich vertiefte Texterklärung, wo fährt der Bauer hin? Was macht er mit der Ziege? Warum ist das nicht gut für die Ziege? Wir erklären tapfer, trullala, die Illustration aus dem Tomi-Ungerer-Liederbuch zeige ich ihm aber nicht, denn den abgerissenen Ziegenkopf der Ungerer-Zeichnung habe ich selbst seit Jahrzehnten ab dem ersten Akkord vor Augen, und man muss es ja nicht gezielt auf Albträume anlegen. Trullala. Stunden später sitzt Baby B auf dem Boden, schiebt Legosteine hin und her und singt zufrieden vor sich hin: “Da war ein blöder Jäger, der war Bauer, der kauft sich eine Ziege, die bindet er hinten dran, dann hat er geraucht, dann war die Ziege tot, weil sie keine Luft gekriegt hat, sie war tot, die Ziege war mausetot, lalala, das war ein blöder Bauer, lalala.”
(Was viele nicht wissen: Die schippsche Eisenbahne ist eine der frühesten dokumentierten Anti-Rauch-Kampagnen. Trullala.)

Heile Welt der Kinderlieder und Märchen: Liebes Füchslein (1)

Die heile Kinderwelt bekommt früh Risse. Schon lange sprechen wir über den Tod, über den Himmel, über gestörbte Igel und gestörbte Großeltern. Und das Kind kommt mit seinen drei Jahren mit Fragen nach dem Krieg, “Krieg” hat er irgendwo aufgeschnappt, im Radio berichten sie von Syrien, Israel, Afghanistan, was ist Krieg, Mami? Wofür braucht man Granaten? Und warum machen sich Menschen selbst tot? (Und dann geht es von vorne los: Was ist dann mit den toten Menschen? Warum habt Ihr Deine Omi verbuddelt? Hast Du dann ganz laut geweint? Wann stirbt man, bei 11? Die tote Schnecke lag doch im Wald, sie kann nicht im Himmel sein, hast Du Quatsch gesagt. Was ist die Seele? Und wie hast Du das Huhn für die Suppe tot gemacht, Mami?)
Nachrichten sind nichts für Kinder. Was ist mit Märchen? “Kinder- und Hausmärchen”? Die vermutlich grausamsten Geschichten der Welt. Kinderlieder? Kinderlieder.
Wir haben gerade eine Fuchs-Du-hast-die-Gans-gestohlen-Phase. Singen schon vor dem Frühstück, Singen auf dem Fahrrad, Singen überall und jederzeit. Und Texterklärung! Was ist eine Flinte? Was ist Schrot? Und was ist die rote Tinte? Wir singen, wir singen wieder, wir basteln eine Fuchs-Du-hast-die-Gans-gestohlen-Laterne, mit roter Tinte, Mami, Du musst noch das Blut ausschneiden. Wir spielen in verteilten Rollen, Du bist die Gans, Mami, ich bin der Fuchs, und jetzt bist Du die Gans, die alleine auf dem Bauernhof bleibt, und da kommt der Jäger. Und er erklärt selbst:


“Und dann fliegt der Schrot aus dem Schießgewehr ganz schnell zum Fuchs, Schrot sind kleine, harte Steine, und dann fliegt der Schrot dem Fuchs in den Mund, und dann rutscht er in den Bauch und dann kommt die rote Tinte aus dem Knie vom Fuchs und er stirbt. Und wenn der Jäger ihn dann tritt, stirbt er noch mehr. Aber das macht nichts, er ist ja schon tot, dann ist er nur noch töter.”
Kinderlieder für den Weltfrieden.

Petite Apokalypse

Und dann war da der Moment, als wir alle nach dem letzten Konzert auf dem ziegelroten Kirchenvorplatz standen, die neuerdings auf Konzertreisen eingeführten Proseccodosen noch in der Hand und die Musik fast noch im Mund und lange noch im Ohr. Hinter uns ragte der Kirchturm mit fratzenziehenden Wasserspeiern, über uns die Krone einer alten Kastanie, dazwischen Abendsonne. Norddeutsches Idyll, in das plötzlich ein Vogel fiel. Er stürzte schnurgerade aus dem Laub über uns, durch nichts, durch keine Reaktion, kein Flügelschlagen abgefangen, und blieb nach dumpfem Schlag auf dem Stein liegen. Und er sah, daß sich der Himmel auftat, und den Geist gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn.” Ein Federchen trudelte nach, “alle Augen warten auf Dich, Herre” und waren auf den grauen Körper gerichet. Eine kleine Ringeltaube, die nicht mehr zurückschaute, denn über dem weißen Ringel am Hals fehlte der Kopf.
Oh.
Und dann ein zaghaftes Stimmchen: “Ist die tot?”
Ziemlich. “Nun aber bleibt Taube, Hoffnung, Liebe, diese drei“, doch war in diesem Fall die Hoffnung vergebens.

40 Tage Buenos Aires [40]


Tag 40, 26. März 2010: Sieh nur, der Mond. Mira, la luna.
Unter dem Obelisken bietet ein Mann einen Blick durchs Teleskop an, einmal ganz nah an den Mond für 2 Pesos.

Heute fliegen wir. Wir haben die hiesige Großmutter nach einem allerletzten Ausflug zum Spielplatz und zur Parrilla verabschiedet, Baby B schläft gerade Siesta und wir haben fast alles gepackt, “der Rest reist oben”, viel Handgepäck. Der Rest sind Formalia, die Wohnung besenrein zurückgeben, alle Schlüssel retour, und dann wir selbst. Remis kommt um 5, Freitag Nachmittag im Feierabendverkehr aus Buenos Aires herauszufahren, könnte zeitaufwendig werden.
Und dann? Dann haben wir diesen Tango im Kopf – “Mein geliebtes Buenos Aires, /wenn ich dich wiedersehe werde / wird kein Schmerz noch Vergessen mehr sein.”
Aber hoert selbst.

(Wenn der verborgene Link schon wieder nicht geht: http://www.todotango.com/spanish/las_obras/letra.aspx?idletra=223)

Mi Buenos Aires querido
cuando yo te vuelva a ver,
no habrá más pena ni olvido.

El farolito de la calle en que nací
fue el centinela de mis promesas de amor,
bajo su quieta lucecita yo la vi
a mi pebeta, luminosa como un sol.
Hoy que la suerte quiere que te vuelva a ver,
ciudad porteña de mi único querer,
y oigo la queja
de un bandoneón,
dentro del pecho pide rienda el corazón.

Mi Buenos Aires
tierra florida
donde mi vida
terminaré.
Bajo tu amparo
no hay desengaños,
vuelan los años,
se olvida el dolor.
En caravana
los recuerdos pasan,
con una estela
dulce de emoción.
Quiero que sepas
que al evocarte,
se van las penas
de mi corazón.

La ventanita de mi calle de arrabal.
donde sonríe una muchachita en flor,
quiero de nuevo yo volver a contemplar
aquellos ojos que acarician al mirar.
En la cortada más maleva una canción
dice su ruego de coraje y de pasión,
una promesa
y un suspirar,
borró una lágrima de pena aquel cantar.

Mi Buenos Aires querido,
cuando yo te vuelva a ver,
no habrá más pena ni olvido.

(Le Pera / Gardel)

“… ein Versprechen / und ein Seufzer / es löschte eine Träne des Schmerzes dieser Gesang.”

Zu tragisch?
Dann nehmen wir das gleiche Motiv, aber modern – der Titelsong der beliebtesten Telenovela des Jahres, “Valientes”, heißt “Volver”, und er wird im Radio rauf und runter gespielt. Eine echte
Latin-Pop-Schnulze.

Aber bevor wir hierher zurückkommen, kommen wir erst nach Deutschland zurück. Ich wünsch uns eine gute Reise und bis morgen!