Am fünften Tag im Krankenhaus brachte mir meine Freundin M. Wolle, Nadeln und ein altes argentinisches Handarbeitsbuch (El arte de tejer ’82). Sie setzte sich zu mir ans Bett, zeigte mir, wie man Maschen anschlägt und erzählte: “Aprendí a tejer cuando tenía seis años… Ich habe mit sechs Jahren stricken gelernt. Meine Mutter strickte damals warme Schals und Pullover für meinen Vater, der als politischer Gefangener im Gefängnis saß. Ich habe ihr zugeschaut, und dann bin ich losgegangen und habe gelbe Wolle gekauft. Daraus habe ich meinen ersten Schal gestrickt. Viele Jahre später, zu meinem 30. Geburtstag, hat meine Mutter einen solchen gelben Schal für mich gestrickt.”
M. kommt aus Uruguay und ist im Exil in Schweden aufgewachsen. Ihre Eltern sind nie in ihre Heimat zurückgekehrt, und wenn M. Heimweh hat, geht sie zu IKEA und isst Köttbullar und Prinsesstårta.
Ich denke, anstatt stricken zu lernen, sollte ich weiterhin M. stricken lassen, stricken und erzählen, und ich schreibe besser ihre Geschichte auf, in deren ersten Satz ich mich sofort verliebt habe.
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Feliz cumpleaños, poeta.
A un avión en la noche
Unpiratanos robalas estrellasy se las lleva al marsobre unpezvolador.
Veranstaltungshinweis: Alissa Walser und Pablo de Santis
Das Literaturhaus sieht sehr imposant aus und hört sich bei den von dort übertragenen Veranstaltungen auch so an. Es gibt bestimmt noch Karten.
Veranstaltungshinweis: Alan Pauls
Am Dienstag, 14. September, liest der argentinische Autor Alan Pauls aus seinem Roman “Historia del llanto”, deutsch (in Übersetzung von Christian Hansen) “Geschichte der Tränen”., Klett-Cotta 2010. Eine Kindheit in der Diktatur, doch die Diktatur sickert nur an den Rändern und eher im Rückblick in die Geschichte, und ein merkwürdiges Ich, zu dessen besonderen Begabungen zählt, intensiv zuhören und sofort oder gar nicht weinen zu können. “[E]ine Empfindsamkeit, die nur Augen für den Schmerz hat und absolut, unheilbar blind ist für alles, was nicht Schmerz ist.” (S. 18.)
Eine knappe, aber schwierige Erzählung, es wird sicher spannend. Vielleicht reden wir auch ein bisschen über Alan Pauls’ monumentalen Roman “El pasado” (“Die Vergangenheit”).
Die zweisprachige Lesung findet um 20 Uhr im Heinrich-Heine-Haus in Lüneburg statt. Ich bin auch dabei und moderiere und übersetze.
12 Tage Santiago [11]
Im Muesum sind recht viele Leute, vor allem viele Familien mit kleinen Kindern, aber auch junge Pärchen oder Grüppchen Jugendlicher. Ich bin in Deutschland selbst sehr selten im Museum, wie ist das eigentlich bei uns? Sind sonntags viele Familien im Museum? Ich kann es nicht erinnern.
Danach eine große Runde durch die Stadt gedreht (leider habe ich die Handpuppenspieler, die mich vor 5 Jahren jeden Sonntag ins Zentrum zogen, dieses Jahr nicht finden können, vielleicht haben sie aufgehört) und so lange auf der sommerlichen Plaza de Armas gesessen, bis mich eine Taube erwischt hat – das soll, heißt es hier, Glück bringen.
12 Tage Santiago [vorgezogener Schluss]
12 Tage Santiago [9b und 10]
Valparaíso und Viña del mar.
Valparaíso ist die Hafenstadt, Containerhafen, Märkte, Tor zur Welt, auf steilen Hügeln gebaut, voller endloser Treppen, die zum Teil durch Gebäude oder verborgene Durchgänge führen, dazu zur Entlastung der Fußgänger einzelne mit Seilwinden betriebene Aufzüge, die an den Hängen kleben. Auf den Straßen verkehren noch alte Trolleybusse, alle Hauswände sind besprüht, überall, wo nicht mit Fisch oder Zwiebeln gehandelt wird, gibt es Kunsthandwerk, man gibt sich hippiehaft und künstlerisch. Viña del mar liegt etwa 5 km weiter nördlich und teilt sich mit Valparaíso die Bucht, klettert ebenfalls die Hügel hoch, die allerdings hier ein wenig weiter weg von der Küstenlinie steil zu werden beginnen. Viña – Weinberg – ist das alte Strandbad und hat sich an einigen Stellen den alten Charme eines mondänen Badeortes bewahrt, es werden aber stets weniger Fassaden und Anblicke, die diesen Charme versprühen. Die Stadt ist kleiner, sauberer und in der Bevölkerungsstruktur deutlich älter als der Nachbarort. Die prachtvollsten Häuser wurden damals, Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem, an der aus Santiago kommenden und Modernität und Weltläufigkeit versprechenden Bahnlinie gebaut, dort sind noch einige Villen im Südstaatenstil zu finden.
Buchhandlung “Crisis”, Valparaíso.
Ein Junge lässt von einem Mirador aus einen Drachen steigen, der sich unmittelbar nach diesem Foto in einem Baum verfängt, der unerreichbar viel tiefer zwischen Wohnhäusern am Abhang klebt. Er und sein Cousin versuchen noch eine Weile, den Drachen zu retten, reißen dann den Faden durch und rennen schließlich zu ihrer Großmutter, um sie um Geld für einen neuen Drachen zu bitten.
Selbst die Toten haben in Valparaíso gute Aussicht, im Rücken des Engels und hinter mir liegt die Bucht, und in Blickrichtung gehen die zu Füßen des Engels liegenden grau-weißen Mausoleen des Friedhofs in die bunten Schachtelhäuser des Cerros über.
(Mehr Engel dann wieder auf Flickr, die hiesigen Engel sind anders als die vom Friedhof Recoleta aus Gips, und auffällig waren die vielen fehlenden Hände, die meisten wiesen mit Armstümpfen in den Himmel.)
Auf einem Grabstein stand auf Deutsch “Die Liebe höret nimmer auf”, daneben einige, die nur mit einem Namen, dann “und Frau und Kinder” beschriftet waren, schließlich einer, auf dem stand: “Un hombre bueno”, ein guter Mann. Was will man mehr.
Dachschmuck, einer von vielen:
Kreisel – eines der nun an jeder Ecke verkauften Symbole des chilenischen “mes de la patria” September. Nur wegen meiner Doktorarbeit hier abgebildet.
Noch etwas Hafen Valparaíso:
Die letzten drei Bilder sind von der Promenade und dem Strand in Viña, die Seebrücke auf dem letzten Foto wird in meinem Reiseführer aus dem Jahr 2005 noch als “place to be” angepriesen, als pintoresker Treffpunkt von Fischern, Einheimischen und Touristen, wo Delikatessen in Bleiglasvitrinen angeboten werden. Ich kann mich nicht erinnern, ob die im Reiseführer abgebildeten Holzhäuser auf der Seebrücke bei meinem letzten Besuch vor 5 Jahren noch da waren, ich glaube aber, es war damals schon der rostige Kran. Anderes ist erst kürzlich kaputtgegangen oder geschlossen worden. Einige Häuser in Valparaíso sind ringsum mit den weiß-roten “PELIGRO” und “Nicht betreten!”-Aufklebern gepflastert, in vielen Straßen wird renoviert, und in die eine der beiden großen Markthallen ist seit dem Erdbeben abgesperrt, Einsturzgefahr.
Am Strand lagern in der Frühlingssonne Familien und spielen Kinder, barfuß und in Winterjacken. (Das einzige Kind in Badehose wirft auf dem letzten Foto Sand ins Meer, im Wasser war niemand.) Ich habe einmal rituell die Füße in den Pazifik getaucht, eisig kalt, ich weiß nicht, wie die zahllosen kleinen Krebse, die sich zwischen den Wellen am Küstensaum ein- und ausgraben, das aushalten.
Ich bin etwas im Rückstand, den heutigen 10. Tag und “Día del patrimonio” reiche ich im Laufe des Tages nach.
12 Tage Santiago [9]
12 Tage Santiago [8]
Auf meinem Flickr-Profil – in der rechten Spalte verlinkt – gibt es im (duennen) Album “Cono Sur” ein paar 5 Jahre alte Bilder aus Valparaíso, wenn jemand einen Vorgeschmack will. Das Bild im Header ist auch aus Valparaíso, die Blechornamente auf einem Dach.
Bleibt mir treu!
12 Tage Santiago [7]
90 Minuten Zeit für 5 Vorträge à 20 Minuten und eine gemeinsame Diskussion ansetzen (bitte nachrechnen), dann den Raum wechseln und wieder zurückwechseln, die angemeldete Technik nicht parat haben, schließlich 20 Minuten später anfangen und dann von den Vortragenden verlangen, dass einfach jeder nur 10 bis 15 Minuten redet – der Beginn der Sektion ist flexibel, das Ende aber fest, denn im Anschluss gibt es „andere Aktivitäten“ und Kaffee – und dann trotz vieler Meldungen jegliche Diskussion nach dem letzten gehetzten Vortrag unterbinden, weil keine Zeit, auf Drängen einer Vortragenden dann zwar doch Fragen erlauben, aber als Moderator bei der ersten Frage den Raum verlassen und die zweite unterbrechen, nun sei Schluss, definitiv, da kann man sich, nachdem man für diesen Vortrag von 20 Minuten Tausende von Kilometern zurückgelegt hat, sein Leben daheim umständlich umorganisiert und auf hilfreiche Schultern verteilt und eine bitte nie nachzuzählende Summe Geld ausgegeben hat, da kann man sich schon etwas verarscht vorkommen.
Und die kokettierend und achselzuckend vorgebrachte Erklärung „Eso es Chile“ stellt nicht zufrieden, sondern macht erst recht zornig, denn was hat Respektlosigkeit mit einem schlechten Image zu tun, was in Wirklichkeit ja nicht einmal zutrifft, und die Grundrechenarten funktionieren hier, in diesem neoliberalen Wirtschaftsland, doch sonst auch ganz gut.
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Studenten der gastgebenden Uni schämen sich nach eigener Aussage für die (Des-)Organisation, die Kommunikation und den Ablauf innerhalb der “mesas”, andere Vortragende loben den Kongress als “una maravilla, hermosísimo”. Irgendwo dazwischen wird es sein.
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Und dann Studentenproteste auf dem Campus – wogegen, spricht sich nicht rum – und Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei, Tränengas und Steine und Wasserwerfer. Stundenlang belagert sich ein kleines Grüppchen Studenten, am Ende alle pitschnass, mit den im gepanzerten Wasserwerfer verschanzten Carabineros, nur manchmal kommen drei oder vier aus dem Panzer geklettert, mit Helmen und Schilden und immer dicht beieinander bleibend. Die übrigen Studenten, Dichter und Kongressteilnehmer gehen mittlerweile nach Hause oder warten bis abends ab, was passiert. Nichts.
Über Umwege wird mir heute ein Buch überreicht, in das mir Antonio Skármeta eine ziemliche Widmung geschrieben hat, „amigo“ steht drin und „admirador“, und das Datum: 27.4.2007. Einige Dinge brauchen ihre Zeit, bis sie ankommen.
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Und dann mit den verbliebenen Dichtern noch mehr Lesungen, und eine Gruppe junger Poeten will wild sein und wirft Klopapierrollen durch den Raum und muss selbst etwas lachen, und irgendwann wickelt einer die chilenische Fahne, die neben der Tafel aufgebaut ist, in Klopapier. Der neben mir sitzende Wissenschaftler aus New York flüstert mir zu, dass das in den USA nicht möglich gewesen wäre, die Jungs wären sofort festgenommen worden. Ich flüstere zurück, dass das in Deutschland auch nicht möglich gewesen wäre, sie hätten zwischen den Weltmeisterschaften wahrscheinlich keine Fahne gefunden.
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Eine Gruppe müder und durchgefrorener und etwas desorientierter Wissenschaftler beschließt, nach der letzten Lesung – und irgendeine Lesung wird schließlich die letzte sein – noch was trinken zu gehen.
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Morgen Valparaíso.
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(Bürgersteig, Ñuñoa. Per te.)
